Heldenreise Jugend. Warum ich schreibe

24.08.2020 I Svenja Hirsch

Ich kann mich aus dieser Zeit nicht an viele schöne Dinge erinnern. Gerade, wenn wir mit unserer eigenen Geschichten arbeiten, fallen uns zuerst die negativen Situationen ein. Sätze aus meiner Jugend.

Warum ich schreibe Bild von Svenja Hirsch

  • Bist du sicher, dass du das richtig wahrnimmst? Vielleicht solltest du mal eine Therapie machen!
  • Liebst du deinen Papa noch?
  • Kümmere dich lieber darum, dass du deiner Tochter einen schönen Geburtstag machst!
  • Du hältst mich nur aus.
  • Schön, dass du auch mal herkommst.
  • Wenn du nicht XY machst, ziehe ich hieraus Konsequenzen!

Das sind alles Äußerungen, die Kinder und Jugendliche weder hören, noch darauf antworten müssen sollten.

Glaubenssätze und was sie in uns machen

Ich habe sie alle gehört, ich habe auf alle geantwortet. Ich habe durch all diese Worte negative Glaubenssätze über mich selbst in mir verankert. Meine zwei Hauptaussagen: Ich bin falsch. Ich werde nicht geliebt.

Diese Zeit, über meinen 18. Geburtstag hinaus, hat mich mit dem Gefühl zurückgelassen, den Erwartungen anderer Menschen entsprechen zu müssen, um gemocht zu werden. Die Bedürfnisse anderer Menschen sind wichtiger, als meine eigenen. Ich muss mir Gedanken über das machen, was der*die andere will. Was ich will, ist zweitrangig.

Mittlerweile habe ich ein natürliche Abneigung gegen normatives Denken. Das ist alles, was sich hinstellt und meint, so sei es richtig und alle Welt müsse das so machen.

Ich habe eine sehr niedrige Toleranzgrenze gegenüber Intoleranz.

Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte und andere Ansichten und Bedürfnisse. Erst dadurch, dass wir zu diesen Geschichten stehen und sie in die Welt bringen, können wir uns von diesen normativen Gedanken lösen und uns ein erfülltes, individuelles Leben erschaffen. Mit Doris Dörrie gesprochen:

Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben.

Deswegen schreibe ich.

In all diesen Sätzen wurde meine Erfahrung einer sehr eigenen Form von Ausgrenzung zugrunde gelegt. Deswegen liebe ich Menschen so sehr, die sich frei ausdrücken wie beispielsweise in der LGBT-Community, wenngleich ich nicht dazu zähle.

Die Normen einer Gesellschaft zu hinterfragen, neu zu denken und zu leben – das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben heute.

Dazu zählt Gleichberechtigung wie Familienmodelle, die Ehe als solche, Mobbing, Rassismus und auch Umweltbewusstsein sowie der bewusste Umgang mit sich und anderen, Ausgrenzung ganzer Menschengruppen und auch die Ausgrenzung im Familiären, mit Bezug auf einzelne Wesenszüge oder Anteile eines Menschen (das war meine Form).

Ein Anfang, den ich machen kann, um mich dieser Aufgabe zu stellen, ist meine Geschichte zu erzählen. Deswegen gibt es diesen Blog. Außerdem gebe ich anderen Menschen die Möglichkeit, auch ihre Geschichte hier und im Podcast zu erzählen.

Wobei ich andere Menschen jetzt unterstützen will

Bislang habe ich mich vor dem Wort ‘Schreibcoachin’ sehr gesträubt. Ein gutes Zeichen dafür, dass ich eine bin (und warum Word nun wieder meint, das Wort rot zu markieren, sei mal dahingestellt). Menschen, die noch nicht an dem Punkt sind, an dem ich bin, mache ich mutig. Ich bestärke sie in dem, was sie sind und darin, ihre Texte auf den Weg zu bringen und sich selbst in diesen Texten zu zeigen. Das bereitet mir unglaublich viel Freude!

Gemerkt habe ich das in meiner ersten Writing-Workshop-Runde: Es gibt so viele Menschen, in deren Formulierungen noch Unsicherheiten mit sich selbst durch klingt. Ich mache das weg. In Workshops, Schreibberatung oder eben hier auf meinem Blog durch Beiträge wie diesen.

Und noch eins: Ich danke dir, dass du meine Texte liest und dass du diesen hier bis zum Ende gelesen hast. Das bedeutet mir die Welt. Danke.

Text: Svenja Hirsch

Foto: auch

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