Dünne und Dicke können auch Freunde sein

23.06.2020 I Svenja Hirsch

Wie wahrscheinlich viele von uns, hatte auch ich lange diese eine beste Freundin in der Schule. Maria. Maria war Einzelkind und im Gegensatz zum mir ziemlich schlank. Das betonte sie gerne. Eine Tatsache, die mich noch heute begleitet.

Titelbild zu Dicke und Dünne können auch Freunde sein

Es ist verrückt, wie wir solche Sachen noch jahrelang mit uns nehmen und in unser Bild von uns selbst reinprojizieren, oder? Selbst wenn ich weiß, dass Maria selbst noch Kind war zu dieser Zeit und sie sich darüber vermutlich gar keine Gedanken gemacht hat, habe ich die Gefühle von damals immer noch tief in mir.

Nicht die Schönheit, in den Augen anderer Menschen

Wir spielten damals gemeinsam und verbrachten sehr viel Zeit, ähnlich wie zu Kindergartenzeiten mit Anne. Nur, dass wir uns diesmal tatsächlich abwechselten und jeder zu jedem kam. Und Maria war auch nicht die Einzige, die mich gerne immer mal wieder darauf hinwies, dass ich nun wirklich nicht die Schönheit von Welt war – in ihren Augen.

Zu dick, zu bunt, zu pickelig

Mir wurde gerne gesagt, dass ich zu viel auf den Rippen habe. Und ich lief auch gerne in irgendwelchen Klamotten von meiner Cousine durch die Gegend, weil es mich ehrlich gesagt nicht weiter interessiert, wie ich aussah. Nur meine Umgebung kommentierte gerne. Zum Beispiel meinen selbst beschriebenen Pullover (Kennt noch einer diese Stoffmalstifte? Großartig!) oder meine pickelige Gesichtshaut (Streuselkuchen!). Und Maria eben meine Figur.

Ich weiß noch, wie wir nebeneinander auf der Fensterbank meines alten Zimmers lagen und nach draußen schauten und sie meinte: „Weißt du, so große Unterschiede machen ja gar nichts.

Und Dicke und Dünne können auch Freunde sein.

Das ist ja bei uns auch so:“ Ich nickte zwar, aber innerlich ging mir das durch und durch. Weil ich natürlich ganz genau wusste, wer hier wer war.

Sie selbst könne einen Bikini tragen, aber weil Lina ja dick sei, wäre ein Anzug für sie besser.

Später hatte meine Schwester, selbst eher dünn, eine Freundin namens Lina. Die war sehr propper und meine Schwester sagte eines Tages im Flur unseres Hauses bei der Verabschiedung zu ihr, dass sie zum Schwimmen besser einen Badeanzug nehmen solle. Sie selbst könne einen Bikini tragen, aber weil Lina ja dick sei, wäre ein Anzug für sie besser. Auch wieder so eine Dünne und Dicke Konstellation. Ich nahm meine Schwester im Anschluss beiseite und meinte zu ihr, dass solche Äußerungen sehr verletzend sein können. Sie nickte nur stumm. Da war ich vielleicht 15 oder 16 Jahre alt und meine Schwester 9.

Sportunterricht war mein Hass-Fach

Ich habe mich zu der Zeit bestimmt sehr ungesund ernährt. Im Gegensatz zu heute auf jeden Fall! Und ich hasste den Sportunterricht in der Schule. Gerade diese blöden Wettbewerbsspiele gingen mir gehörig auf den Senkel. Mit Geräteturnen konnte man mich schon eher begeistern. Aber Brennball?!? Hell, no! Mein absolutes Hass-Spiel war Fliege und Spinne. Wenn das angekündigt wurde, setzte ich mich an die Seite und machte einfach nicht mit. Es war mir irgendwann auch egal, was meine Lehrer davon hielten.

Meine Mutter sorgte zumindest dafür, dass alle Kinder und so auch ich, einmal die Woche etwas sportliches machten. Das war bei mir mal kurzzeitig Basketball, dann HipHop- und Jazz-Dance, ein Jahr Trampolinspringen und dann einfach Radfahren, Schwimmen usw. Ich ging also sehr schnell raus aus dem Teamsport und machte das ganze für mich allein. Das mache ich auch heute noch am liebsten.

Stoffwechsel, adé!

Aber das Gefühl, zu dick und nicht schön zu sein, blieb. Ich habe es oft heute noch. Am Ende der Realschulzeit (Maria und ich gingen gemeinsam von der 1. bis zur 10. Klasse zur Schule) entwickelte sich daraus eine Essstörung. Ich nahm sehr viel ab und aß teilweise nur ein paar Tomaten und Abends Ostereier – sehr ausgewogen, ich weiß! Zuletzt wog ich ungefähr 62 Kilo auf 1,78m. Für mich war das absolut ungesund, weil ich im Prinzip nichts mehr essen konnte und ich meinen Stoffwechsel dadurch selbst erstmal schön geschrottet habe. Kann ich also keinem empfehlen.

Wie ich dort wieder rauskam? Zunächst gar nicht. Im Gegenteil. Das Mobbing auf der Realschule und dann auf dem Aufbaugymnasium trug nicht sonderlich zu meinem Wohlbefinden bei. Und wenn ich mir diesen und die kommende Texte so anschaue, dann war dieser Teil der Beginn einer Reise, die erst mit dem Studium endete. Oder im Prinzip erst jetzt, vor ein paar Monaten.

Diese Reise besteht darin, mich selbst und somit meinen Körper zu achten, zu pflegen und letztlich zu lieben so wie er ist. Das bedeutet erneut, sich von Bewertungen und Meinungen anderer hierüber abzugrenzen und allein in sich selbst den eigenen wahren Wert zu finden.

Nächste Woche lest ihr daher hier einen Text von mir zum Thema Mobbing: Vom Gorilla zum Tritt in die Kniekehle.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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