Rassismus

09.06.2020 I Svenja Hirsch

Aus gegebenem Anlass – ein Text, entstanden aus einer meiner Instagram-Storys. Du hast Erfahrungen mit Rassismus gemacht und willst hier in einem Gastbeitrag davon erzählen? Melde dich bei mir!

Bild zum Text Rassismus

Der #blackouttuesday hat gezeigt, worum es geht: Jeder, der es früh mitbekam, teilte auf Instagram ein schwarzes Bild mit dem Hashtag. Die Aktion war als ein Zeichen für Solidarität und Unterstützung der Schwarzen dieser Welt gedacht. Hervorgerufen durch den Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten in den USA und die dadurch erneut hervorgerufenen Proteste.

Ich bin nicht dieser Rassismus

Der #blackouttuesday hat gezeigt, worum es nicht geht: Ein Bild teilen, um am nächsten Tag so weiterzumachen wie bisher. Ich verstehe das Bedürfnis nur zu gut, Solidarität zu zeigen und zu sagen: Ich gehöre nicht zu diesen widerlichen Rassisten, ich bin das nicht! Nur wenn wir uns dann wieder gemütlich auf die Couch setzen und das war‘s – dann war‘s das eben auch.

Eine Instagramstory zu dem, was in den USA und auch in Deutschland und auf der ganzen Welt passiert, ist nach 24 Stunden weg. Das Problem, der Rassismus bleibt.

Was können wir dauerhaft gegen Rassismus tun?

Ich kann nur sagen, was ich jetzt tue: Ich bilde mich weiter und ich ziehe mir die ganzen verdammten Videos rein, die Gewalt gegen Schwarze zeigen. Es gibt unglaublich viele davon, denn das ist die eine der wenigen Möglichkeiten dieser Menschen, sich zu schützen und zu zeigen, dass es diese Polizeigewalt gibt, welche Formen sie annimmt und sie zu dokumentieren.

Ich fange an, entsprechende Bücher zu lesen. Eine Liste findest du am Ende dieses Beitrages. Sie ist willkürlich und einfach das, was ich bislang dazu gefunden habe. Ich rüste mich dafür, vor allem in meinem Umfeld Rassismus kommentieren zu können. Oft haben wir Angst, gerade bei denen, die uns am nächsten stehen, den Mund aufzumachen. Aber genau dort ist es am wichtigsten, weil wir am meisten bewirken können.

Sich selbst und andere bilden

Vieles, was ich sehen könnte, sehe ich bislang noch nicht. Und ich gebe zu, dass ich selbst ab und an Dinge gesagt habe, die nicht politisch korrekt sind in dieser Hinsicht. Aber durch diese Sensibilisierung ist mir jetzt bewusst, welche Botschaft ich damit weitertrage und das kann ich unmöglich weiter mit mir vereinbaren. Vermutlich werden wir noch weitere Dinge auffallen, je mehr ich lese.

Deswegen steht für mich Bildung immer an erster Stelle. Bildung ist das, was uns sensibilisiert für den Zustand dieser Welt und für die Geschichte der Menschen. Die Bildung unserer Kinder ist das wichtigste, was wir haben. Und ich habe selbst erlebt, wie bereits dort Diskriminierung beginnt: Ich bin aufgrund meines Äußeren gemobbt worden, zwar weil ich dick war und nicht aufgrund meiner Hautfarbe. Trotzdem geht es dabei bereits um eine Ausgrenzung, um Bewertungen und Verletzungen aufgrund von Äußerlichkeiten. Wie heißt es momentan so schön: Mit Liebe werden wir geboren, Hass lernen wir.

Wer zum Teufel bringt seinen Kindern diesen Hass bei?

Warum meinen wir generell, andere Menschen bewerten zu dürfen aufgrund von Banalitäten? Menschen, die das tun, erheben sich über andere. Wie der Polizist über den Mensch mit der anderen Hautfarbe. Er nutzt seine Machtposition aus, um dem anderen zu schaden, bis in den Tod. Kinder sollten diese Art der Ausgrenzung und des Hasses gar nicht erst bei anderen mitbekommen. Denn dann ist ihnen die Möglichkeit gegeben, diese zu übernehmen, ohne dass sie überhaupt wissen, was sie da tun oder sagen.

In den Schule sollte Ethik und Solidarität gelehrt werden.

Was bedeutet eigentlich Zusammenhalt und warum gibt es Grunde keinen Rassen, sondern lediglich die eine Rasse Mensch? Wie funktioniert Frieden? Groß gedacht, aber auch klein in einem selbst. Denn dort fängt alles an.

Wenn wir hingegen unsere Kinder vor den Fernsehen setzen, in dem sich weiße Menschen ankeifen, fertig machen und hintergehen, wenn wir ihnen Shooter-Spiele in die Hand geben, werden wir das ganze Chaos nicht besser machen. Natürlich sind auch die Medien in der Verantwortung, aber ich muss meine Kinder auch nicht unbedingt davor setzen, wenn ich weiß, was dort gezeigt und geschrieben wird. Dann werden sich die Medien in absehbarer Zeit auch von selbst in eine humanitäre Richtung verändern – das ist zumindest meine Hoffnung.

Was sind eigentlich Privilegien?

Und noch einen Gedanken will ich teilen. Denn es ist immerzu die Rede von Privilegien, welche die Weißen haben und die Schwarzen nicht. Das Wort bedeutet Vor- und Sonderrecht. Ich finde die Verwendung in diesem Kontext ziemlich absurd, denn um was geht es hier? Menschen mit dunkler Hautfarben wollen keine Angst mehr haben, von Polizisten oder anderen Menschen per se verdächtigt zu werden, etwas unrechtes getan zu haben. Sie wollen keine Angst haben, ohne Grund abgeführt, eingesperrt, misshandelt oder sogar getötet zu werden. Nur aufgrund ihrer Hautfarbe. Und sie wollen, dass ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen.

Sind das Sonderrechte, die Weiße haben?

Ich finde, es sind einfach Rechte, die jeder haben sollte. Normal. Standard. Wenn ich diesen Gedanken umdrehe, bedeutet das, dass diesen Menschen ihre ganz normalen Rechte, die Grundlagen allen Rechts nicht zugestanden werden. Nicht zugestanden von Menschen, die sich für etwas besseres halten und ihre Machtposition eiskalt missbrauchen. So hart muss ich das einfach ausdrücken, weil es die Realität ist.

Ich sitze hier auch in meiner rosaroten Seifenblase. Auch ich habe oft Vorbehalte gegenüber anderen Kulturen und fühle mich in diesen fremd. Ich glaube, dass das okay ist, wenn man sich darüber bewusst ist, dass das ein eigenes Sicherheitsbedürfnis ist und nichts mit einem besser oder schlechter als XY zu tun hat. Ohne andere schief anzugucken und schlecht zu behandeln.

Ich kann nicht fassen, was alles passiert.

Wie Menschen so schlimm miteinander umgehen können. Und ich bekomme davon so wenig mit. Einfach weil ich weiß bin und in Deutschland geboren, mir deswegen meine ganz normalen Menschenrechte zugestanden werden.

Ich dachte eigentlich, dass dieses Land mehr für seine Menschen tut, aber auch hier sterben dunkelhäutige Menschen auf mysteriöse Weise in Gefängnissen und die Umstände werden komischerweise nie geklärt. Hier ist der gleiche Rassismus wie anderswo. Und ich frage mich, ob ich ein Teil davon war und bin.

Ich hoffe, ich war es nicht in der Vergangenheit und werde dafür sorgen, dass es zumindest in Zukunft nicht mehr so ist.

Bücher:

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche.

Alice Hasters: Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen.

Kübra Gümüsay: Sprache und Sein.

David Mayonga aka Roger Rekless: Ein Schwarzer darf nicht heben mir sitzen.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah.

Taie Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so.

Alain Mabanckou: Blacl Bazar.

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus.

Tupoka Ogette: Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen.

Carolin Emcke: Gegen den Hass.

Text: Svenja Hirsch

Bild: auch, mit Over gemacht.

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