Trennung und fliegende Spaghetti

26.5.2020 I Svenja Hirsch

Wie stark bereits Teenager sein können, wenn sie Verantwortung übernehmen. Und warum Reden Gold ist.

Titelbild zum Beitrag Trennung und fliegende Spaghetti

In meiner Klasse gab es bereits weit vor der Trennung meiner Eltern das erste Mädchen, von dem alle wussten, dass sich ihre Eltern bereits getrennt hatten. Sie war sehr beliebt, im gesamten Klassenverbund und gerade bei den Jungs, die alle reihum oder auch gleichzeitig in sie verliebt waren.

Als sich meine Eltern trennten, lief das so: Beim Essen auf der Terrasse verkündete Papa, dass er ausziehen werde. Er nahm seinen Teller, halbvoll mit Spaghetti, und schleuderte diesen durch den Garten. Laut krachend zerbarst der Teller, irgendeines oder alle Kinder fingen an zu weinen. Ich rannte sofort ins Haus. Schnappte mir das Telefon, ging in das Schlafzimmer meiner Eltern, schloss ab und rief jenes Mädchen aus meiner Klasse an, mit dem ich bis dato noch nie telefoniert hatte.

Mein erster Gedanke: Jemanden anrufen, der sich mit Trennung der Eltern auskennt

Sie reagierte super. Ich meine, wir waren beide ungefähr vierzehn, und sie beruhigte mich und sagte, dass alles wieder gut werden würde und nicht so schlimm sei, auch wenn sie das selbst am Anfang gedacht hatte. Rückblickend war das ungemein erwachsen. Und es zeigt zugleich, was mit Kindern/Jugendlichen passiert, wenn sie das Gefühl, haben nun auf einmal selbst mehr Verantwortung zu tragen. Sie wachsen über sich hinaus.

Ich heulte die ganze Zeit während des Gesprächs. Mama oder Papa fragte durch die Tür, ob alles in Ordnung sei. Tage später in der Schule kam eine der Lehrerinnen auf mich zu: Meine Schwester hätte weinend erzählt, dass sich unsere Eltern trennen. Ob das stimme. Ich nickte und bejahte. Ob es mir gut gehe und dass ich mit ihr reden könne, wenn ich wolle.

Niemand macht sich schwach, wenn er/sie über seine/ihre Probleme oder Gefühle redet.

Und ich erinnere mich an noch eine Sache: Eine enge Freundin des Mädchens erzählte mir, dass sich auch ihre Eltern getrennt hätten. Davon hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt gar nichts von der Trennung mitbekommen. Sie hatte weder darüber gesprochen, noch war es ihr anderweitig anzumerken gewesen. Da war ich etwas extrovertierter und ich glaube, dass genau das mir auch geholfen hat.

Wenn wir etwas in uns hineinfressen, behalten wir es in uns, statt uns davon zu befreien

Später bekam ich mit, dass die enge Freundin Panikattacken hatte. Ich habe später noch mit ihr in meiner ersten und einzigen WG gewohnt. Ich bekam mit, wie sie sich zurückzog, kaum aus ihrem Zimmer kam. Und wenn ich sagte, wir könnten doch mehr zusammen machen und uns aktiv verabreden, meinte sie, sie gehe davon aus, dass sich so etwas immer ergebe. Tat es natürlich nicht.

Was ich damit sagen will: Es ist wichtig, über Probleme, krasse Veränderungen, zu sprechen. Das geht nicht immer gleich gut und viel. In diesem Fall hat es mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin und dass es Menschen gibt, die an meinem Schicksal Anteil nehmen und mich trösten. Ich glaube, ich hätte das in vielen andere Situationen, die folgen sollten, noch viel stärker tun können. Es gab einiges, das ich im ersten Moment des Geschehens nicht bearbeitet habe.

Stattdessen habe ich diese Vorkommnisse später in einer Gesprächstheorie aufgelöst, die mir sehr geholfen hat, endlich bestimmte Dinge abzuschließen. Diese Gespräche haben mich in mir selbst bestärkt, dass ich richtig bin. Selbst jetzt, wenn jemand versucht, mir zu sagen, das etwas nicht richtig sei, was ich tue, ziehe ich aus diesen Gesprächen enorm viel Kraft.

Und das ist der Punkt, um den es immer geht: Niemand macht sich schwach, wenn er/sie über seine/ihre Probleme redet. Ganz im Gegenteil. Darüber reden, stärkt ungemein.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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