Von Papas Geschichten und Mamas Traurigkeit

12.5.2020 I Svenja Hirsch

Manchmal liegen schöne Geschichten und Traurigkeit ganz dicht beisammen. Wann ich zum ersten Mal merkte, dass etwas bei uns nicht mehr in Ordnung war.

Illustration Gitarre und Musikkassette zu dem Text über Papas Geschichten und Mamas Traurigkeit

Papa war und ist ein Künstler. Früher nahm er mir Geschichten auf Kassette auf wie beispielsweise die vom Kirschbaum (s. Text). Er las diese vor und spielte dazu Gitarre. Eine Weile hörte ich die Kassetten sehr häufig und wenn Papa auf der Arbeit war, erfasste mich ein totales Papa-Weh. Ich weinte dann und wollte, dass er nach Hause kommt. Mama rief bei ihm an und er versprach mir, so schnell wie möglich da zu sein.

Meine Mutter fühlte sich nicht gesehen

Als es ein paar Mal hintereinander vorkam, dass ich wegen Papas Geschichten weinte, machte das meine Mutter ganz schön traurig. Sie sagte: „Ich mache hier und tue, aber nach mir hat keiner Heimweh.“ Dass ich das immer noch weiß, zeigt wie sehr mich ihre Aussage bestürzt hat. Das tat mir sehr leid und weh. Ich wollte nicht, dass es ihr schlecht ging und sie das Gefühl hatte, weniger geliebt zu werden.

Im Prinzip war das bereits ein erster Ausdruck ihres Unglücklichseins. Der erste, an den ich mich so genau erinnere. Meine Mutter hat im Podcastgespräch (Folge 3-6) selbst erzählt, dass sie sich damals nicht sicher war, ob das, was sie tat und auch sie selbst etwas wert sei. Weil immer mehr kritisiert wurde, statt das Positive an dem zu sehen, was sie leistete.

Hier passt etwas nicht zusammen

Trotzdem war diese Situation noch weit vor der Trennung meiner Eltern. Nach ein paar Gesprächen mit meiner Mutter zu dem Buch, an dem ich gerade schreibe, war diese Trauer von ihr eher eine grundsätzlich. Es gab noch keinen Cut oder ähnliches, aber unterbewusst schon das Gefühl, dass etwas für sie nicht zusammenpasste.

Meine Eltern suchten schließlich gemeinsam nach einem eigenen Haus für die größer werdende Familie. Ein Eigenheim. Mein Papa hatte die Idee, irgendwo weiter raus zu ziehen. Und so schauten wir uns unter anderem ein Haus an, das eine riesige Lagerhalle hatte, in der (Tisch-)Sets und Tischdecken hergestellt wurden. Die Besitzer luden mir den ganzen Arm voll mit den verschiedenfarbigen Folien, die ich stolz mit nach Hause trug. Und meine Eltern fortan mit selbstgebastelten (und viel zu kleinen) Tischsets beglückte.

Ein Eigenheim durft’s dennoch sein

Das Haus aber kauften meine Eltern nicht. Auch, weil meine Mutter fand, man müsse zumindest in der Nähe einer Bushaltestelle oder Bahnstation wohnen. Sie hatte keine Lust, die Kinder irgendwann ständig durch die Gegend kutschieren zu müssen. Durchaus verständlich! Es wurde dann ein Haus „nur“ 20 Minuten zu Fuß von der S-Bahn entfernt. Mama war schwanger mit dem vierten Kind, als der Umbau dort begann. Und beide machten aus der Bude ein sehr schönes Zuhause.

Ein gewisser Sinn für Dramatik war dieser Situation durchaus zueigen…

Meine Mutter sagte später, dass im Prinzip zum Zeitpunkt des Hauskaufs die Beziehung am Ende war. Als Kind merkt man schon, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Und so fragte ich Papa, als wir schon einige Zeit in dem neuen Haus wohnten, ob er eigentlich glücklich sei. Da saßen meine Schwester und ich gerade bei mir im Zimmer und spielten mit dem riesigen Plüscheisbären, den ich auf dem Dom gewonnen hatte (er hieß natürlich Lars). Seine Antwort: „Wenn ich nach Hause komme, bin ich ein toter Mann.“ Nun könnte man sagen, mein Vater hatte reichlich Sinn für Dramatik. Aber mir ging das damals durch Mark und Bein.

Wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, geben wir Bürden nicht weiter

Ich habe diese Veränderung als Kind gespürt und gleichzeitig wusste ich weder genau, was es war, noch konnte ich ja etwas an dieser Situation ändern. Heute hat mich der Satz meines Papas und auch der spätere Umgang anderer Menschen mit der Trennung sehr dafür sensibilisiert, was Kinder alles mit sich nehmen und in sich herumtragen können.

Bis zu einem gewissen Grad sind wir Erwachsenen dafür verantwortlich, den Kindern in unserer Familie bestimmte emotionale Bürden nicht aufzulasten. Acht zu geben, vor allem auf uns selbst. Denn wenn wir mit unseren Gefühlen im Reinen sind, wenn wir für uns selbst sorgen und dafür, dass wir ein glückliches Leben führen, dann geben wir unsere emotionalen Bürden auch nicht an unsere Kinder weiter.

Bitteschön, deins, nicht meins!

Ich selbst kann mit diesen Vorkommnisses eines tun: Das Paket zurückgeben. Es gab einige Menschen, die mit dieser Trennung nicht zurecht kamen. Es ist ihr Paket, nicht meines. Und im Anschluss mir selbst vergeben, dass ich es getragen habe und dann der ganzen Trennungssache an sich. Denn letztlich war diese genau richtig so und wir sind am Ende alle glücklicher hieraus hervorgegangen.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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