Die einzige, die in Ruhe spielt und Papas Geschichte vom Elefanten

20.4.2020 I Svenja Hirsch

Warum ich mich so gut mit mir selbst beschäftigen kann. Wie uns Glaubenssätze aus der Vergangenheit noch lange prägen. Und wann ich das erste Mal lernte, etwas nicht persönlich zu nehmen.

Illustration von Svenja als Kindergartenkind zum Text zu alleine spielen

Als wir noch in Schenefeld wohnten, begann meine Mutter bereits, eine der Krabbelgruppen in meinem späteren Kindergarten zu leiten. Sie nahm mich immer mit dorthin. So war ich im Grunde gleich eingewöhnt, als ich schließlich in den Kindergarten kam. Ein Montessori-Kindergarten übrigens. Ein Konzept von Maria Montessori (schloss als eine der ersten Frauen ihr Medizinstudium mit einer Promotion ab), bei der erstmals die Form des offenen Unterrichts oder Lernens sowie der Freiarbeit benutzt wurde. Wir haben zum Beispiel oft mit Farben und Wasser experimentiert (was passiert, wenn man blau und gelb zusammen kippt?). Und wir hatten noch andere besondere Materialien, die meine Mutter teilweise für zu Hause anschaffte.

Wie uns Erziehung beeinflusst

Das hat mich enorm in meiner Kreativität und Schaffenskraft beflügelt und dem Mut, vieles einfach mal auszuprobieren. Denn später habe ich es immer gehasst, wenn jemand vor mir irgendetwas gemacht hat und mir dann sagen wollte: „Mach das so und so. Oder lass es lieber, weil…“ Ich habe es trotzdem versucht. Meistens mit dem prophezeiten Ergebnis. Aber egal! Die Erfahrung hatte ich dann meinerseits selbst gemacht und nicht die anderer für mich angenommen.

Warum ich gut alleine spielen konnte

Durch die Strategie meiner Mutter, mich mit Kochtöpfen spielen zu lassen, während sie den Haushalt schmiss, konnte ich mich immer schon sehr gut mit mir selbst beschäftigen. Zur Freude der Erzieher im Kindergarten! Ich weiß noch ganz genau, als es an einem Tag tierisch laut war, alle Kinder in dem großen Raum spielten, tobten und schrien. Dann war es einer Erzieherin zu bunt und sie rief uns zusammen: „Das geht so nicht! Es ist unglaublich laut. Die Einzige, die in Ruhe spielt, ist Svenja!“ Oh Gott, war mir das unangenehm; so herausgestellt und dann auch noch gelobt zu werden! Alle schauten mich natürlich an und schmollten, weil sie gerade einen Anpfiff bekommen hatten. Etwas beschämt ging ich wieder zurück an meinen kleinen Spieltisch und setzte weiter Figuren mit diesen Stecksteinen zusammen.

… und doch anfing, lauter zu werden

Ja. Es ist unglaublich anstrengend, einen Pulk von 15 bis 20 lauten, tobenden Kindern um sich zu haben. Selbst, wenn sie untereinander friedlich sind, ist der Lärmpegel enorm! Der Glaubenssatz hingegen ist nicht für jeden besonders förderlich. Als Einzelkind musste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht weiter auffallen, weil sich die ersten fünf Jahre immer um mich gekümmert wurde. Das änderte sich erst, als meine Schwester kam. Mit dieser Veränderung habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Ich lerne immer noch, wie ich sichtbar werde in meiner Stille und Ruhe, die ich sehr liebe.

Du bist mein Lieblingskind!

Eine meiner Erzieherinnen hat mich damals in diesen Stärken (in der Ruhe liegt die Kraft oder ähnliches;) gesehen. Denn sie sagte mir eines Tages, als ich abgeholt wurde, ich sei ihr Lieblingskind, weil ich so toll alleine spielen könne. Hach ja, manchmal haben auch Erzieher so unvernünftige Ausreißer! Wenn ich daran denke, merke ich noch immer, wie sich etwas in mir sträubt und sagt: „Ach komm, das kann ja nicht sein. So toll warst du als Kind gar nicht. Viel zu ernst etc. pp.“ Ich komme erst gerade dazu, das abzulegen und mich darüber zu freuen, dass schon damals jemand mich einfach für das, was ich bin, geliebt hat.

Wie mein Papa durch Geschichten meine Angst vertrieb

Neben meiner Mutter, die das ohnehin immer irgendwie tat, hat mich Papa in den Situationen, in denen ich besonders Angst hatte, durch Geschichten bestärkt. Zum Beispiel diese: Ich wurde auf einem Kindergartenfest sehr doll von einem Jungen geärgert, flüchtete schließlich in das Auto meiner Eltern und drückte den Knopf runter, sodass er nicht reinkam.

Weil ich daraufhin nicht mehr in den Kindergarten gehen wollte, erzählte mir mein Papa die Geschichte von einem Elefanten, der (weil er einfach ein Trampel war) ganz aus Versehen in das Loch einer kleinen Maus tritt. Die Maus war natürlich total verängstigt, was dem Elefanten unglaublich leid tat: Das hatte er nicht gewollt, es war einfach ein Versehen gewesen. Tja, das war Papas Art, mir die Welt zu erklären und mir zu sagen, dass andere Menschen oft Trampel sein können, wenn es um die Gefühle ihrer Mitmenschen geht. Und wenn sie merken, was sie angerichtet haben, tut es ihnen oftmals total leid!

Im Grunde heißt das: Nimm es nicht persönlich! Nur eben in Kindersprache ausgedrückt. Auch wenn ich diese Geschichte schon sehr früh erzählt bekam, kann ich erst jetzt so langsam verstehen, was dahinter steht.

Was mich trotzdem daran hinderte und warum ich vieles später persönlich nahm, erfährst du in den nächsten Stories.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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