Zwei Brüder

31.3.2020 I Svenja Hirsch

Wie unterschiedlich Kinder sein können. Und warum nicht alle Männer Arschlöcher sind. Eine Liebeserklärung an meine zwei Brüder.

Zwei Kinder, beide blond und lachend. Illustration zu dem Beitrag Zwei Brüder

Meine zwei Brüder im Überblick: Bruder Nummer eins wurde von Mama immer „der kleine Herr Professor“ genannt. Und er sah als ein Kind so aus, wie ich mir Justus Jonas von den drei Fragezeichen im jungen Alter vorgestellt hätte: proper, strahlende blaue Augen, rote Pausbäckchen, blonde kurze Haare. Er hatte immer eine schlauen Spruch auf den Lippen, wusste unglaublich viel und war schon immer sehr emphatisch und beliebt gewesen.

Er ist so diese typische Kombination aus intelligent und manchmal etwas faul. Seine Begabung lässt er gerne in familiäre Tippspiele einfließen, für die er die krassesten Excell-Tabellen erstellt. Und er beherrscht die große Kunst, mit Menschen zu agieren, die ihn zu einem tollen Dienstleister macht.

Gleichzeitig hat er diese Schwere, in die er immer mal wieder gerne kippt und ich glaube, dass er oft an sich zweifelt. Nach viel Interaktion mit anderen Menschen zieht er sich von dieser unglaublichen Sympathie, die er versprühen kann, in genau so krassem Maße auch wieder zurück. Und es trifft ihn bis ins Mark, wenn ein anderer etwas an ihm bemängelt.

Zwei Brüder – ein Teil von mir

In der Ambivalent zwischen Selbstbewusstsein und -zweifeln sehe ich auch einen Teil von mir. Ich mache es mittlerweile sehr bewusst, dass ich mir nach viel Interaktion auch ganz viele Ruhe und Alleinsein einräume. Weil ich weiß, dass es mir dann gut geht. Ich sehe darin schon lange keine eigene Unzulänglichkeit mehr, sondern ein Stärke. Es gibt wenig Menschen, die von sich behaupten, gut alleine sein zu können. Ich hoffe, dass er das auch irgendwann für sich sehen kann und es schafft, sich nicht mehr allzu sehr von der Meinung anderer erschüttern zu lassen.

Am liebsten würde ich ihn einfach alles machen lassen, was ich irgendwann begonnen habe, für mich selbst zu tun. Weil ich entschieden habe, mich dauerhaft gut fühlen zu wollen. Um die Leere in mir zu füllen und mit meiner Traurigkeit umgehen zu können.

Verdammt schwer: Etwas gut meinen und trotzdem die Fresse halten

Er war immer irgendwo MEIN Bruder, zu dem ich vor allem früher den meisten Bezug hatte. Auch rein optisch wurde von anderen Leuten immer gesagt, dass er und ich uns ähnlich sehen sowie meine Schwester und mein jüngster Bruder sich ähnlich sehen. Zwei und zwei. Es ist für mich oft sehr schwierig, all diese Anteile von mir auch in ihm zu sehen und zu wissen, dass so viel in ihm steckt, was er einfach gerade nicht rauslässt oder rauslassen kann. Aber dabei die Fresse zu halten, weil es mich natürlich absolut nichts angeht und ich mit irgendwelchen gut gemeinten Ratschlägen wahrscheinlich auf ziemlich starken Widerstand stoßen würde. So ist das nun mal – happy Geschwisterliebe 😉

In schweren Zeiten lernten wir uns noch einmal ganz neu kennen.

Mein jüngster Bruder ist für mich die größte Überraschung. Er ist von uns allen am meisten untergebuttert worden und hatte zugleich ganz insgeheim die meisten Freiheiten. Wir habe ihn lange als „den Kleinen“ bezeichnet, mittlerweile ist er uns über den Kopf gewachsen (alle meine Geschwister sind jetzt größer als ich!). Ich glaube, er hasst diesen Namen heute noch wie die Pest. Und kann es auch überhaupt nicht haben, wenn einer von uns ihm seine Aufgabe „wegnehmen“ und sie für ihn erledigen will. Das weiß ich aber auch eigentlich nur, weil ich ihn 2017 nochmal neu kennenlernen durfte. Zu dem Zeitpunkt hatte sich mein damaliger Freund gerade von mir getrennt und ich bin zwischenzeitlich bei Mama untergekommen – und somit auch bei ihm. Er hat mich viel in den Arm genommen und getröstet. Wir haben einige Stunden im Wohnzimmer gesessen und über alles mögliche, tief schürfende geredet. Er kann jetzt schon sehr klar über seine Gefühle sprechen – dafür habe ich mindestens zehn Jahre länger gebraucht.

Mein jüngster Bruder macht das, wovor ich am meisten Angst habe

Jetzt wohne ich quasi um die Ecke und ich staune immer noch und immer wieder, wie er mittlerweile einfach er selbst ist. Er besteht darauf, selbstständig zu sein. Angefangen hat das mit seinem Führerschein. Er fährt wirklich unglaublich gut Auto! Ich glaube, diese Fähigkeit hat ihm sehr viel Sicherheit gegeben, während ich mit schweißnassen Händen hinter dem Steuer sitze. Und es genau deswegen auch nicht mehr mache.

Ich hätte eigentlich viel früher darauf kommen können: Als wir mit Papa auf der Beerdigung unserer Oma waren, sagte mein Bruder auf dem Rückweg (er war vielleicht acht), dass uns keiner begrüßt hätte. Der Familienkonflikt war da schon mehr als fortgeschritten. Und ich hab nur gedacht, oh Gott, ich will nicht, dass du so etwas mitbekommst! Was für Arschlöcher sind die anderen bloß, dass sie nicht mal dir kleinem Jungen, der nun wirklich gar nichts für den ganzen Mist kann, die Hand geben. Vielleicht hat er das mittlerweile vergessen, vielleicht ist es auch genau der Grund dafür, dass er so gut und respektvoll mit Kindern umgehen kann. Er arbeitet oft in der Tagespflege meiner Mutter, die Kinder lieben ihn. Jetzt studiert er auf Lehramt. Richtige Entscheidung, würde ich sagen.

Mein jüngster Bruder kann einfach auf so eine angenehme, aber bestimmte Art und Weise seine Meinung vertreten. Wenn er ruhig und bestimmt sagt, dass ihm etwas nicht passt, dann weißt du, okay, jetzt ist wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht! Deswegen übernimmt er in Konflikten zwischen uns auch oftmals eine vermittelnde Rolle. Das ist als Jüngster immer so eine Gefahr, (zu) viel für die anderen älteren Geschwister zu tun. Aber letztlich ist das seine Entscheidung (jaaa! Wirklich!).

Save yourself from bullshit: Do not marry an asshole

Das also sind meine zwei Brüder, geboren 1994 und 1996. Sie sind für mich beide tolle Beispiele für liebe, intelligente, soziale Typen, die jede Frau gerne an ihrer Seite hätte (sofern sie nicht noch der Meinung ist, auf Arschlöcher zu stehen. Ganz ehrlich: KEINE Frau will mit einem Arschloch zusammen leben. Die sind so was von out!). Sie haben mich geprägt, weil sie mich zum einen jung halten – klingt bescheuert, aber wer mal einen mit uns trinkt, weiß was ich meine. Weil sie viel Spaß machen und weil sie ebenso wie meine Schwester mein Herz berühren. Ich liebe sie sehr. Sie bringen die Facetten sehr unterschiedlicher Charaktere in mein Leben, wodurch ich mit vielem umgehen kann. Auch, weil ich weiß, dass ich im schlimmsten Fall nicht nur einen, sondern gleich drei Ankerpunkt habe, zu denen ich jederzeit gehen kann.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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