Und dann kam meine Schwester

17.3.2020 I Svenja Hirsch

Ich war eine recht lange Zeit das einzige Kind meiner Eltern. Fünfeinhalb Jahre haben meine Eltern gewartet, dann kam da dieser kleine Mensch mit zu uns nach Hause. Meine Schwester.

Illustration von meiner Schwester als baby und mir als Fünfjährige, schwere geburt

So ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern: Ob ich begriff, dass da bald noch ein zweiter Menschen neben mir sein würde? Und was es bedeutete, als Papa mich eines Tages zu Oma brachte und meinte, ich würde hier schlafen und selbst zu Mama ins Krankenhaus fuhr?

Meine Schwester, schon im Bauch ein Wirbelwind

Schon während der Schwangerschaft war meine Schwester ein ziemlich Wirbelwind und zappelte ohne Ende in Mamas Bauch. Das blieb auch so: Sie war lange ein ziemlicher „Spargeltarzan“ wie Mama sie nannte, weil sie so viel in Bewegung war. Sie lernte wahnwitzig schnell Laufen und vor allem Sprechen. Plapperte und lief immerzu.

Beinahe wäre es nicht so weit gekommen: Meine Mutter lag in den Wehen, doch das Kind kam und kam nicht. „Irgendetwas war da“, erzählte meine Mutter später, „Sie wollte raus, aber konnte nicht so recht.“ Die Ärzte wollten es weiter probieren, doch meine Mutter sagte schließlich Stop und bestand auf einen Kaiserschnitt. Zum Glück.

Beinahe wäre ich Einzelkind geblieben: eine schwere Geburt

Meine Schwester hatte sich die Nabelschnur viermal um den Hals gewickelt. Mit jeder Wehe, jedem Pressen, zog sich die Schnur enger um ihren Hals. Sie wollte raus, aber sie konnte nicht, weil die Schnur sie immer wieder zurückzog. Eine mehr als schwere Geburt. Wenn meine Mutter nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätte, wer weiß, ob meine Schwester dann heute hier wäre.

Als man sie schließlich per Kaiserschnitt geholt hatte, sie so klein und blau auf der Neugeborenen-Waage lag, war mein Vater bei ihr. Er war der Erste, der sie  begrüßte, der sie in den Arm nahm. Er hat später erzählt, dass er geweint und Gott dafür gedankt hat, dass seine zweite Tochter lebend zur Welt gekommen war. Bezeichnenderweise ist es noch heute so, dass meine Schwester von uns vieren die engsten Verbindung zu meinem Papa hat. Und umgekehrt ist es auch so.

Sie mit neun, ich mit 14, was für eine Frechheit!

Man soll ja kein Lieblingskind haben, sagt man. Aber mein Papa hat aufgrund dieser schweren Geburt ganz insgeheim eins, da bin ich mir ziemlich sicher! Ich hatte da lange ein Problem mit, gerade weil ich meine Eltern mehr als fünf Jahre für mich hatte. Es gab viele Situationen, in denen ich eifersüchtig auf meine kleine Schwester war, die natürlich gerade weil sie so viel plapperte, jede Aufmerksamkeit auf sich zog. Und sie hatte wirklich schöne, blonde Löckchen, die alle toll fanden. Wie ein Engel (dabei hatte sie es faustdick hinter den Ohren, Schwester Rabiata!). Und sie bekam natürlich alles viel früher, als ich. Einen Fernseher im Zimmer zum Beispiel! Sie mit neun, ich mit 14, was für eine Frechheit!

Geschwister holen einen aus der Komfortzone

Im Prinzip ist es erst jetzt mit der Zeit so, dass ich zum einen unsere Differenzen, zum anderen die Beziehung zwischen ihr und meinem Papa verstehe. Und sehe, dass ihre Geburt auch für sie ein Trauma gewesen sein muss, dessen sie sich wahrscheinlich selbst gar nicht bewusst ist. Ich glaube, gerade in Familienverhältnissen kann so ein Bewusstsein sehr hilfreich sein, um den anderen besser zu verstehen. Gleichzeitig hüte ich mich davor, anderen Menschen so ihre Eigenverantwortung abzunehmen (was als große Schwester oft gar nicht so leicht ist).

Ihre Geburt hat mich aus meiner Komfortzone als Einzelkind gebracht und meine Durchsetzungskraft und Abgrenzung gestärkt. Ich war oft wütend und dann wieder total froh, dass da nun noch ein Kind war. Dieses Hin und Her zwischen Ablehnung und bedingungsloser Liebe ist das wahrscheinlich Eigenartigste am Geschwister-Haben 😉 Vor allem, als dann noch Nummer drei und vier in kürzeren Abständen folgten.

Ich habe nicht eine, ich habe vier große Lieben

Meine Geschwister und gerade meine Schwester lehren mich absolute Akzeptanz und Liebe. Wir sind alle so unterschiedlich, am liebsten würde ich jeden belehren und gleichzeitig unter die Arme greifen. Das ist natürlicher totaler Quatsch. Und ich lerne erst jetzt, sie einfach sein zu lassen. Meine Wünsche zu äußern – und dann einfach loszulassen!

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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