Kirschen und Regenbögen

10.3.2020 I Svenja Hirsch

‚Mit der Schaufel gegen den Regen‘-Kämpfen und warum wir uns häufiger an die guten, schlichten Momente zurückerinnern sollten.

Erinnerungen, Illustration von einem großen Kirschbaum auf Rasen

Das Mietshaus in Schenefeld, in das wir nach der kleinen Wohnung zogen, hatte den wahrscheinlich schönsten Garten, den man sich wünschen kann. Aufgeteilt in zwei Bereiche. Der hintere war zum Wäscheaufhängen gedacht, getrennt durch zwei große Apfelbäume und riesige Rhododendren vom zweiten Bereich. Dem eigentlichen, großen Garten mit dem noch viel größeren Kirschbaum. Direkt mittendrin. Der Zaun war eine Hecke. Zur Straße hin gab es noch einen kleinen Sauerkirschbaum. Mein Papa baute uns außerdem noch eine Sandkiste. So war das Kinderparadies quasi perfekt.

Ich weiß noch, wie mein Papa über die Amseln fluchte, die sich jeden Sommer über die prallen Kirschen hermachten. Und wie wir möglichst schnell sobald die Früchte reif waren, mit einem langen Kescher und großen Eimern, wahnwitzig viele Kirschen ernteten. Einen Teil brachten wir zu unseren Vermietern rüber und mit dem anderen Teil wussten wir kaum etwas anzufangen. So viele rote Knubberkirschen!

Am Ende des Regenbogens und woher all die Farben kommen

Vielleicht war es an einem dieser Erntetage, als es plötzlich anfing zu regnen. Das weckte meinen Kampfgeist. In meinen Erinnerungen stand ich mit einer Sandkistenschaufel in der Hand mitten im Garten, beschimpfte den Regen und warf immer wieder meine Schaufel in die Luft. Damit der Regen endlich wegging und wir weitermachen konnten. Natürlich ließ sich der Regen herzlich wenig von dem kleinen, brüllenden Mädchen beeindrucken. Und so brachen wir unsere Ernte ab.

Wir hatten vor unserer Haustür einen Windfang. Dort standen auch unsere Schuhe und Gartenspielzeuge. Papa und ich setzten uns gerade dort hin, auf die hohe Stufe vor unserer Eingangstür, um uns die Schuhe auszuziehen, als plötzlich ein Regenbogen am Himmel zu sehen war! Kann sein, dass es der erste war, den ich in meinem Leben sah. Wir blieben sitzen, gebannt von den Farben und Papa erklärte mir, wie so ein Regenbogen eigentlich entsteht. Später hat er darüber eine Geschichte geschrieben (Die Geschichte vom Regen), die er mir auch auf Kassette aufnahm. Übrigens die zweite – nach der Geschichte vom Kirschbaum.

Uns diese Momente, die schönen Erinnerungen ab und an zurückholen, gibt Seelenfrieden

Ich war als Kind immer gerne draußen. Das gibt mir bis jetzt einen absoluten Seelenfrieden, wenn ich spazieren gehe, von dem Balkon meiner jetzigen Wohnung in den großen Garten schauen kann. Obwohl ich zugleich auch eine totale Gemütlichkeits-Potatoe bin. Aber vermutlich wäre das eine ohne das andere nicht.

Mir diese schöne Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen, tut ziemlich gut. Ich denke, wir sollten uns viel mehr an die schönen Momente erinnern, obwohl sie uns vielleicht klein vorkommen. Ja, sie sind in der Tat meistens sehr schlicht im Gegensatz zu den negativen Situationen, die uns passieren. Das ist vermutlich der Grund, warum wir uns weniger mit den positiven Erfahrungen beschäftigen und viel mehr allem anderen hinterher hängen.

Mein Vertrauen in die Natur hängt an einem Kirschbaum

Ich bin dankbar, dass meine Eltern sich für dieses Zuhause auf Zeit entschieden haben. Nicht alle Kinder kommen in den Genuss eines solchen Gartens oder haben die Möglichkeit, wann immer sie wollen, im geschützten Umfeld draußen spielen zu können. Das hat mir viel Ruhe und Vertrauen in die Natur gegeben. Etwas, wovon ich später, in den negativen Situationen und auch heute zehren kann.

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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