Von Mamas Ideen und Papas Einflüssen

3.3.2020 I Svenja Hirsch

Mein erstes Zuhause: Eine Zweizimmerwohnung mit
dreckigem Balkon. Auf kleinem Raum, große
glückliche Welt.

Mein erstes Zuhause, Kleinkind, Heimat, Familie

Ich, ein Jahr alt.

Das erste und absolute Wunschkind meiner Mutter: Das durfte ich mehr als fünf Jahre sein. Fotos von mir. Ich als schreiendes Baby auf ihrem Arm, wie sich mich liebevoll betrachtet und mir gut zuredet. Wie ich auf dem dreckigen Balkon sitze, freudestrahlend, mit dicken, roten Pausbacken und runter zu den Autos auf der damals schon dicht befahrenen Von-Sauer-Straße blicke.

Kleine Wohnung, voll von uns. Mein erstes Zuhause

Meine Eltern wohnten noch nicht lange zusammen. Papa war in Mamas kleine Wohnung gezogen. Früher voll von Katzen. Und dann voll von uns. Das Prinzip gab es später nochmal, als aus zwei Kindern drei wurden und schließlich kein Platz mehr für ein Elternschlafzimmer war.

Aber meine Eltern hielten es mit dem Platz für sich selbst immer entspannt. „Platz ist in der kleinsten Hütte.“ Und ein Neugeborenes interessiert es nicht, wieviele Quadratmeter die eigenen sind. Eigenes Zimmer, Bett? Egal. Hauptsache bei Mama und Papa. Hauptsache gucken, mit Kochtöpfen spielen und Autos glotzend in der Sonne hängen. So entspannt, dass meine ersten Gehversuche sehr lange auf sich warten ließen:

Du bist immer nur gerollt.

… Bis du irgendwann, irgendwo hängen geblieben bist. Dann hast du angefangen zu brüllen, solange bis ich dich beiseite getragen habe und du weiter rollen konntest.“

Warum hätte ich etwas anderes tun sollen? Es war ja keine Not da, so von Papa gebadet und von Mama zuhause umsorgt. Später war meine Mutter nicht mehr nur für mich, sondern auch für den ersten Sohn ihrer besten Freundin da, auf den sie mit aufpasste. Die Nummer eins. So nennt er sich heute noch selbst (und wir ihn ehrlicherweise auch). Da schon nicht mehr im stinkigen Altona, sondern in dem Mietshaus mit großem Garten, den mein Vater so liebte.

Wo es bereits zu bröckeln begann und ich nichts mitbekam

Dort fing meine Mutter an, andere Kinder zu betreuen. Zuerst von Müttern bzw. Familien, die sie kannte. Später dann auch von ‚Fremden‘. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Mein Vater fand das nicht so gut. Fremde Menschen in seinem Zuhause waren ihm stets unbehaglich. Ich glaube, er fühlte sich bedroht oder einfach beobachtet und bewertet. Und blieb lieber unter den Menschen, die er gut kannte.

Mein Papa ist ein spezieller Typ. Sehr lieb. Und sehr schrullig. Er hatte immer schon lange Haare und eine problematische Familiengeschichte. Ich weiß noch, wie er irgendwann mal zu mir sagte:

„Ich kann mich nicht erinnern, irgendwann von meinen Eltern in den Arm genommen worden zu sein.“

Daraus folgten viele Unsicherheiten mit der eigenen Familie, Misstrauen und Alkoholprobleme, die er vor meiner Zeit bereits hinter sich hatte. Und zugleich viel Stärke und Bewusstsein für sich selbst. Die Zurückgezogenheit ist geblieben. Er lebt heute mit seiner Lebensgefährtin in einem kleinen Dorf mit vielleicht 20 Einwohnern. Hinten raus ein riesiger Garten, selbstgebaute Schrottkunst. Weite, mit Blick über die Felder bis zum nächsten kleinen Wäldchen. Und mit Rehen, die nachts im Gemüsebeet klauen gehen.

Wie mich mein Vater geprägt hat

Meine Papa ist die große Unsicherheit in meinem Leben. Zum einen habe ich die große Sensibilität von ihm. Den Bedarf nach Ruhe und das gute Bewusstsein für mich selbst. Zum anderen kann ich es kaum aushalten, lange und intensiv mit ihm zu sprechen, weil er so viele Ängste und negative Emotionen immer noch mit sich trägt, vorwurfsvoll spricht und Schuld immer bei anderen sucht. Und ich das alles viel zu sehr aufnehme, auf mich beziehe und meine, etwas ändern zu müssen. Genau das war und ist zugleich meine große Herausforderung, die sich durch mein Leben zieht. Die mich ausgerechnet jetzt gerade ganz aktuell lehrt, nicht allzu viel persönlich zu nehmen. Am besten gar nichts! Und dass ich mich nicht ändern muss, weil jemand anderes mit irgendetwas, das ich tue, nicht klarkommt. Es sei denn, ich möchte das.

Wilde Natur und einen an der Meise

Meine Kindheit hat mein Papa vor allem durch seine Liebe zur Natur geprägt. Sei es, dass wir in den Wald fuhren, um Holunder zu pflücken. Oder er mir die verschiedenster Vogelarten zeigte, die ich noch bis heute auswendig weiß. Wenn ich schlechte Stimmung habe, reicht es, ein paar Meisen in meinem Vogelhäuschen zu beobachten. Oder die Eichhörnchen, die direkt vor dem Küchenfenster an der Tanne lang turnen.

Seine ‚Süße‘ wie Papa seine Lebensgefährtin immer nennt, sagt auch: „Der braucht seinen Garten! In einer Wohnung geht der doch ein!“ Und so erklärt sich auch das erste große Haus in Schenefeld, in das wir nach der Einzimmerwohnung endlich zogen. Mit dem wahrscheinlichst schönsten Kirschbaum, den sich Kinder (und Papas) wünschen können…

Teil 3: Kirschen, Regenbögen und ‚Mit der Schaufel gegen den Regen‘-Kämpfen

Text: Svenja Hirsch

Skizze: auch

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