Die dunklen Tage – Liebe. Früher.

03.12.2019 I Svenja Hirsch

Ich stand in der Küche meiner kleinen WG, neben mir das superduper Essen (Birnen, Bohnen, Speck deluxe) im Backofen brutzelnd und heulte. Wie besagter Schlosshund. Ich, Studentin, Single, Mitte zwanzig, hatte eine sehr wichtige Entscheidung getroffen.

Die dunklen Tage, Liebe, leichte Depressionen

In Sachen Liebe bin ich ein absoluter Spätzünder. Ich glaube, bei meinem ersten Kuss war ich schon volljährig. Und alles andere… na ja. Gerade so im Kontext mit Freunden habe ich mich oft unter Druck gesetzt gefühlt, dass da ‚jetzt doch endlich mal etwas passieren müsste‘. Und daher wahrscheinlich auch oft Dinge gemacht, die mir nicht gut getan haben.

Und? Wie geht es uns denn heute? Leichte Depressionen

Besonders schlecht in Sachen Beziehungen war ich – Achtung! – im Sprechen. Kommunikation mit dem männlichen Geschlecht? Um Gottes Willen! In der Hinsicht war ich eher Typ Raj von The Big Bang Theorie. Schon auf die Frage „Wie geht es dir?“ hatte ich selten eine ehrliche Antwort. Ich antwortete immer „gut“, obwohl ich mir damit oft nicht sicher war. Ich wusste einfach nicht, wie es mir geht.

Zeit für Therapie

Durch meine Familiengeschichte habe ich irgendwann angefangen, eine Gesprächstherapie aufzusuchen. Die erste Frage, die mir dort immer gestellt wurde? „Wie geht es Ihnen?“ Tja. Ich komme wohl nicht darum herum, mich mit meinem Befinden bewusst auseinander zusetzen. Dieser Tipp von den ganzen Esos, sich eine Erinnerung ins Handy zu speichern, die einen genau diese Frage alle paar Stunde stellt, ist daher gar nicht mal so blöd.

Meinen Gefühlen keinen ehrlichen Ausdruck verleihen zu können, ist es sicherlich auch geschuldet, dass in der Therapie leichte Depressionen festgestellt wurde. Um es mal ganz krass zu sagen: Ich hatte nie das Bedürfnis, mich umzubringen. Trotzdem fühlte ich mich immer, als sei ich in mir gefangen. Da ich hier nun jede Woche eine ganze Stunde selber sprechen musste, lernte ich aber genau das, was mir bis dato fehlte. Und bemerkte mehr und mehr, wenn mir etwas nicht gut tat.

Die Sache mit der Liebe und den Männern. Ein Dauerlauf.

Zum Beispiel dieser Typ, Bühnenbauer beim NDR, mit dem ich etwas anfing. Sah extrem gut aus, klaro. Und so war es auch im Bett. Aber sprechen, Anteilnahme, Geborgenheit: Fehlanzeige. Für ihn war es eben bloß etwas ‚Lockeres‘, so alle paar Wochen. Und dann noch nicht mal da besonders zuverlässig. Für mich war es immer ein tagelanger K(r)ampf, bis wir wieder ein Treffen hinbekamen. Ich lief ihm buchstäblich hinterher. Da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht so gut sprechen konnte, schrieb ich ihm irgendwann einen Brief mit allen Gefühlen, die mich betrafen. Zurück bekam ich eine SMS mit ungefähr den Worten „Ich habe keinerlei Gefühle für dich.“ Schön.

Trotzdem versuchte er nochmal, sich mit mir zu treffen. Ich ging darauf nicht weiter ein.

Heute kann ich sagen: Arschloch.

Und dann kam dieser Abend 2011, diese Situation, in der es Klick machte. Ich war wieder in einer ähnlichen Situation. Diesmal mit einem Typen, den ich durch die Uni kannte und der in einem Weinladen an den Colonnaden arbeitete. Er war zum Glück etwas umsichtiger, ich wusste von vorneherein, dass da ‚nicht mehr ging‘. Warum ich es trotzdem versuchte, sei mal dahingestellt.

Die Geschichte mit dem Weinladen

Wir waren schon häufiger erst im Weinladen und dann weiter gezogen, in eine Bar auf der gleichen Ecke. Mit den ganzen Leuten, die auch dort arbeiteten. Freunden von ihm. Einer musterte mich den Abend besonders, ich glaube, es wurde auch über mich gesprochen. Ich kam mir vor wie ein besseres Ausstellungsstück. Ein Gefühl, das ich bis heute nicht leiden kann.

Es war Ladenschluss und sollte wie immer noch weitergehen. Sein Chef war dort, als ich nochmal in den Laden kam, um ihn zu fragen, ob er mitkäme. Er und sein Chef ranzten mich an, sie würden sich doch hier jetzt unterhalten! Und er wüsste gerade nicht und – ach, blabla. Was auch immer genau gesagt wurde, ich fühlte mich total scheiße.

Was ein polnischer Abgang alles für sich haben kann

Als ich mit den anderen in der Bar ankam, begannen alle, sich zu unterhalten, zu trinken. Ich kannte keinen so richtig, stand einfach da wie bestellt und nicht abgeholt. Und mit einem Mal schoss mir die Frage durch den Kopf: Was machst du eigentlich hier? Ich spürte in dem Moment so deutlich, dass da gerade eine Grenze endlich, endlich überschritten war. Und fasste den Entschluss, mich nie wieder so behandeln zu lassen. Dann drehte ich auf dem Absatz um und machte den polnischen.

Ich bin dann mal weg

Tatsächlich schrieb er mir kurz darauf, ob ich gegangen sei. Er wäre jetzt da. Und ich antwortete das erste Mal ganz ehrlich: Ja, ich habe mich nicht wohl gefühlt und bin los. Wir haben uns noch zweimal so getroffen, auf Kaffee und Wein. Ich habe mir vorher vorgenommen, mich im Anschluss nicht zu irgendetwas bequatschen zu lassen. Es hat gut funktioniert und ich habe den Eindruck, wir sind freundschaftlich auseinander gegangen.

Das Gefühl vom Alleinsein…

Aber was ist jetzt mit dieser Schlosshund-Situation in der Küche? Dieses ganze Beziehungs-Chaos, zu dem noch weitaus mehr Typen und Co. gehörten, war der Auslöser für eine Entscheidung. Die, lieber allein zu sein, als mich schlecht behandeln zu lassen. Wenn ich ehrlich bin, war ich ja trotzdem allein, ich hatte bloß eine Männergeschichte mehr zu erzählen.

Dieses Gefühl vom Alleinsein kam gerade zu Anfang immer wieder in mir hoch, so auch in besagter Küchen-Situation. Ich wusste in dem Moment, dass es dennoch die bessere Wahl war, als alles zuvor gewesene. Ich konnte mich so auf mich selbst konzentrieren und ganz bewusst wahrnehmen, was für mich okay war. Und ich lernte ein knappes halbes Jahr später jemanden kennen, dem ich das erste Mal nicht hinter rennen musste. Und war vier Jahre mit ihm zusammen.

…und warum leichte Depressionen etwas Gutes haben.

Das Krasse an dieser ganzen Sache ist aber eigentlich, dass ich durch die Beschäftigung mit meinem Gemütszustand aus diesem ganzen Kram herausgekommen bin. Deswegen sind leichte Depressionen in meinen Augen auch nichts Schlimmes. Meine ‚dunklen Tage‘ sind heute wenn, dann auch gar nicht wirklich dunkel, eher so light grey. Sie bringen mich zurück zu mir selbst, zu den Gefühlen, die sonst im schnellen Fahrwasser des Alltags über Bord gehen.

Und was die Liebe betrifft: Da ist mittlerweile so ein Typ an meiner Seite, der so viel redet, dass ich das nicht unbedingt tun muss. Der mich aber auch dazu bringt, dass ich rede. Ganz viel über Gefühle, die genau so da sein dürfen. Und dem ich nur in punkto Ordnung hinterherlaufen muss. Ich habe ihn geheiratet.

Text: Svenja Hirsch

Foto: Dirk Hirsch

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