Der Info-Abend – eine Farce

19.11.2019 I Svenja Hirsch

Auf der Suche nach einem Minijob stieß ich an einer Bushaltestelle auf einen Aushang. Was folgte war ein Info-Abend mit unglaublich viel Bullshit. Warum wir mehr auf unser Bauchgefühl hören sollten und wann man einfach aufstehen und gehen muss.

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5 bis 7 Stunden wöchentlich stand auf dem Zettel, für ca. 450 monatlich und mehr. Leichte kaufmännische Tätigkeit im Bereich Datenaufnahme. Jo, dachte ich, das bekomme ich hin. Telefonisch wurde ich direkt zu einem sogenannten Info-Abend eingeladen.

Das kam mir schon etwas komisch vor, zumal gar nicht groß nach meinem Können gefragt wurde. Erstmal alle einladen, die sich melden. Aber gut, dachte ich, fällt mir ja kein Zacken aus der Krone, dort einfach hinzufahren. Zumal es um die Ecke lag.

Der Beginn war auch… sagen wir okay. Es wurden die Softskills vorgestellt, die im Unternehmen wichtig sind – übrigens eine Vermögensberatung. Allerdings fiel mir schnell auf, dass wenig über den Job und das Unternehmen an sich gesagt wurde. Das kam erst recht spät.

Ein Info-Abend über Soft-Skills, statt über harte Fakten?

Ich fragte dann direkt, ob es sich bei der Beratung um eine Honorarberatung handelt (ich Fuchs!), weil ich als Kunde immer zu einer solchen gehen würde. Der Vortragende auf diesem Info-Abend, übrigens der Geschäftsführer, meinte ganz stolz, nein, das sei man nicht. Der Kunde bezahle für die Beratung nichts. Man habe hier dafür ein sehr breites Portfolio an Vertragspartnern, die für jeden neuen Kunden bezahlen, der vermittelt wird.

Hmmm. Das war der erste Minuspunkt. Ich glaube nicht, dass die Beratung ALLE Banken im Portfolio hat, sodass sie tatsächlich unabhängig und komplett auf den Kunden ausgerichtet sind. Aber gut.

Sozialversicherungsfreie Jobs, aufgepasst!

Dann ging es mit Job los: 450 Euro würden leistungsbezogen gezahlt, je nach dem, wie viele Datensätze man schafft. Das Tolle: Der Job sei sozialversicherungsfrei, man habe keinerlei Abgaben. Oha, dachte ich und fragte erneut nach. Das hieße, man sei auf Honorarbasis selbstständig, ja? Diese Frage beantwortete der Geschäftsführer mir nicht direkt mit Ja. Stattdessen warb er für die sozialversicherungsfreie Tätigkeit, die weniger Abgaben bedeutet, da man diese Tätigkeit ja bis zu einem bestimmten Einkommen auch gar nicht versteuern müsse.

Eine ältere Dame neben mir, Rentnerin, war ganz begeistert. Was für ein Bullshit! Denn wer zahlt meine Krankenkasse? Ich wahrscheinlich. Und das geht bei einer Selbstständigkeit ab 180 Euro/mtl. los. Kann man sich ja mal ausrechnen, wie viel man im Endeffekt erst mal schön für die Krankenkasse arbeitet.

Ab 45 keine Altersvorsorge mehr möglich? BULLSHIT!

Der Punkt, an dem ich auf dem Info-Abend aber tatsächlich raus war: Leuten ab 45 Jahren wird dort erzählt, sie können nichts mehr für ihren Vermögensaufbau hinsichtlich Altersvorsorge tun. Menschen so etwas sagen, das müsse man schon können, so der Chef. Einige würden weinend zusammensacken.

WAS FÜR EIN BULLSHIT! Man kann IMMER etwas für seine Altersvorsorge und sein Vermögen tun, selbst mit 60 oder 70 noch. Meine Mutter ist dafür das beste Beispiel. Nur hat die entsprechende Beratungsfirma keinerlei Vertragspartner, mit denen das möglich ist. Und unabhängig von diesen beraten sie dann eben doch nicht. Und das ist das eigentlich Schlimme an solchen Firmen, denn es geht dabei nicht mehr um den Kunden. Statt die Kunden zu Beratern zu schicken, die ihnen helfen können, werden sie komplett verunsichert.

Herr Moser und Herr Müller

Ab dem Zeitpunkt saß ich nur noch mit verschränkten Armen in der Veranstaltung, die dann tatsächlich auch zu einer reinen Farce mutierte. Auf einmal wurden auf der Leinwand Leute wie Bill Gates präsentiert. Hintergrund: Man wolle hier keinen Herrn ‚Moser‘, sondern die echten Macher.

Deswegen wäre auch das leistungsbezogene Prinzip so toll. Denn was passiere in Festanstellung einer Firma? Egal was man leiste, jeder bekomme dasselbe. Ich: Nein. Stimmt nicht, war/ist bei mir im Unternehmen nicht so. Kommt auch sehr auf den Chef an, das zu sehen, zu unterscheiden und zu bewerten. Hoppchen, da hatte ich den Geschäftsführer aber! Selber mal 20 Leute geführt, von denen nur 2 motiviert waren. Hmmm. Lassen wir mal so stehen.

Spaß mit rohen Eiern und halbvollen Gläsern – eine reine Farce-Veranstaltung

Na ja, es folgte das Beispiel mit den 10.000 Versuchen, bis die erste Glühbirne endlich leuchtete, das halbvolle Glas und eine Live-Performance vom Ei des Columbus. Ich hätte mit dieser Veranstaltung jedes Bullshit-Bingo gewonnen, vor allem mit dem Schlusswort:

Auf der letzten Seite der Präsentation war ein alter Mann zu sehen, der gefragt wird, warum er nicht mehr erreicht hätte. „Weil mir niemand eine Chance gegeben hat!“ So. Ihr könnt euch vorstellen, was kam. Natürlich, hier in der Beratung habe man jetzt die Chance. WAS FÜR EIN BULLSHIT!

Bewusst entscheiden: Das geht gar nicht!

Das Ganze Theater dauerte 2 Stunden. Und ich ärgere mich, dass ich nicht nach spätestens 1,5 Info-Abend einfach aufgestanden und gegangen bin. Ich dachte zuerst, vielleicht kommt da doch noch etwas Gutes. Aber ganz ehrlich: Ich sollte viel mehr auf mein Bauchgefühl hören! Und auch einfach mal sagen, wenn etwas wirklich richtiger Mist ist bzw. das durch die Aktion des filmreifen Abgangs auch einfach demonstrieren. Zumal die Menschen, die mit mir dort saßen, das alles für bare Münze genommen haben. Da ich schon lange selbstständig arbeite und mich auch sonst über vieles belese, demgegenüber einen Wissensvorsprung habe.

Ich glaube, dass wir uns oft zu sehr von dem beeindrucken lassen, was andere uns präsentieren, statt auf unser eigenes Wissen zu vertrauen. Vor allem in einem solchen Umfeld geht man ja zunächst davon aus, dass der andere weiß, wovon er spricht. Aber es kann auch sein, dass er oder sie eine bestimmte Absicht verfolgt und schlicht BULLSHIT erzählt. Wer weiß, vielleicht glaubt er den Mist sogar selbst und ist davon überzeugt.

Weniger Nonsens, mehr Quality Time

Ich habe mir jedenfalls in mein kleines ‚Fehler & was ich daraus gelernt habe‘-Büchlein notiert: Keine Zeit mehr mit Nonsens verbringen. Mehr in mich hinein horchen und meinem Gefühl vertrauen. Mich bewusst entscheiden, genau jetzt aufzustehen, um meine Zeit mit etwas sinnvollerem oder zumindest schönerem zu verbringen.

Davon habe ich definitiv mehr, als innerlich aggressiv zu werden und mir Blödsinn anzuhören. Über den ich mich noch Tage später echt aufregen kann – alles verschwendete Zeit und Energie (außer natürlich was diesen Text betrifft!).

Und, lieber Herr Geschäftsführer: Bill Gates hat seine EIGENE Idee umgesetzt und groß gemacht. Geht man in ein andere Unternehmen und berät für dieses, ist das himmelweit von einer eigenen Idee entfernt – der Vergleich hinkt so sehr, dass er umfällt. Wenn Sie tatsächlich die Macher suchen, sollten Sie Ihre Präsentation um ein paar Peinlichkeiten kürzen.

Text: Svenja Hirsch

Fotos: Photo by Jon Tyson on Unsplash (bearbeitet)

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