Frau mit Schnurrbart

12.11.2019 I Svenja Hirsch

Der Mann guckt zwischen den Regalböden hindurch, mir ins Gesicht. “Statt auf die Produkte, gucke ich viel lieber Dir in die Augen.” Okayyy, denke ich. Und lächel nur ein bisschen dämlich. Was ich stattdessen in Zukunft tun werde.

Frau mit Schnurrbart, Not your Baby, metoo, Mobbing, sexuelle Belästigung

Bloß kein Gespräch eingehen, habe ich in diesem Moment bloß gedacht: Der Typ ist mindestens 30 Jahre älter als ich, einen Kopf kleiner und läuft mit einer Kamera über den Markt, auf dem ich als Ausstellerin bin und diverse Sachen aus besagtem Regal verkaufe. Am nächsten Tag ist er wieder da und es geht weiter. Hat eine Spruch auf einer meiner Karten gelesen: “Du bist echt Zucker!”, sagt er während er mich ganz fest ansieht. “Das steht auf der Karte! …aber Du bist auch Zucker!”

Wo hört das Kompliment auf und fängt Belästigung an?

Ich reagiere entsprechend genervt, ziehe eine Augenbraue hoch. Aha. Und gucke wieder in mein Buch. Wo hört eigentlich ein Kompliment auf und fängt sexuelle Belästigung an? Ich muss zugeben: Ich gehöre auch zu den weniger schlagfertigen Menschen, denen eine gute Antwort und Reaktion erst hinterher einfällt. Aber ich übe! Und lege mir für den möglichen nächsten ‚Angriff‘ eine entsprechende Antwort zurecht:

“Mag sein, dass Sie das nett meinen, aber ich fühle mich davon belästigt. Bitte lassen Sie diese Äußerungen bleiben!”

Einfühlungsvermögen und angenehme Zurückhaltung

Das beides wünsche ich mir oftmals. Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Was ich genau mit ‚etwas‘ meine? Zum einen das etwas distanzlose Duzen: Ich bin 33 und verheiratet. Trotzdem scheine ich auf viele Menschen so einen Eindruck zu machen, als wäre ich jung, naiv und duzbar.

Dem ungefragten DU folgt zum anderen diese sonderbare Art, mir Komplimente machen zu wollen. Nein, ich fühle mich davon überhaupt nicht ‘geehrt’. Ich kann es schlicht nicht leiden. Warum? Weil ich mich gerade von Menschen, die mich nicht kennen, dadurch auf mein Äußeres reduziert fühle. Ich komme mir vor wie ein dummes, kleines Mädchen, das sich jetzt bitteschön freuen soll, dass es von einem großen, erwachsenen Mann als hübsch und süß bewertet wird.

Das Mädchen lässt sich jetzt einen Schnurrbart stehen!

In solchen Momenten hätte ich gerne einen Schnurrbart. Er würde solche Kommentare mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit von mir fern halten. Die Frau mit Schnurrbart ist ein Bild aus dem Buch “Die kleine Philosophie der Macht” (s. u.). Es geht bei diesem Bild um Stereotype: “Ein Mann mit Schnurrbart ist normal, eine Frau mit Schnurrbart unnormal! Ein Mann, der sich gut findet, ist normal, eine Frau, die sich selbst lobt, spinnt!”

Das Buch, aus dem das obige Zitat ist und ‚Die Frau mit Schnurrbart‘ kommt!*

Raus aus dem BH? Ab mit der Schminke?

Eine Frau mit Schnurrbart würde ein Mann nicht als süß bezeichnen, wetten? Das ist jetzt zwar rein äußerlich betrachtet. Aber auch im hier gemeinten Sinne: Eine Frau mit Schnurrbart verhält sich so, wie dies eigentlich einem Mann zugeschrieben wird. Männliche Verhaltensweisen wie sich selbst entsprechend positiv darzustellen – sich überhaupt darzustellen und auf die Schulter zu klopfen. Silberrückenverhalten, wie mein Mann sagt. Verhält sich eine Frau so, gilt sie in der Regel als unweiblich und wird zumindest von den Herren ein etwas ‘älteren’ Generation komisch angeschaut. Sie passt nicht mehr ins ‘normale’ Frauenbild.

Noch ein Grund mehr, zuckerfrei zu leben

“Wir beugen uns der für uns vorgesehenen Normalität. Wir entfernen unsere Barthaare. Wir schlüpfen in einen Büstenhalter. Wir geben uns als Frauen zu erkennen.” Sprich: Wir nehmen uns zurück. Wir halten schön den Mund. Lächeln doof, obwohl wir etwas scheiße finden. Und werden dafür mit Zucker verglichen. Tooooll. Gähn. Aber was ist die Lösung? Raus aus dem BH und ab mit der Schminke?

Och, nö. Und genau das stört mich: dass ich nicht aussehen kann wie ich nun mal – und auch gerne – aussehe, ohne regelmäßig diese Erfahrung machen zu müssen. Dass fremde Menschen im direkten Kontakt mit mir meinen, mein Äußeres bewerten zu dürfen. Und dabei ist es ganz egal, ob positiv oder negativ. Beides ist scheiße. Weil es etwas bewertet, das ich von Fremden nicht bewertet haben will. 

Warum zieh sie sich so an? Warum schminkt sie sich?

Vormals, lange lange ist es her, mag das tatsächlich etwas gewesen sein, das viele Frauen für den Mann getan haben: Sich schön machen. Heute ist es aber oftmals auch so, dass sie das gerne einfach für sich wollen. Weil sie es mögen und weil es ihnen Spaß macht. Dafür brauche ich keinen äußeren Betrachter, der mir sagt, dass das ‘Zucker’ ist. Solange ich nicht nach der Meinung anderer (fremder Männer) frage, ist echt mal Fresse halten angesagt. Auch das meint schließlich der Satz “Mein Körper gehört mir!” Ich tue damit, was ICH gerne möchte. Das ist somit MEIN Sache. Und wenn ICH das gut finde, brauche ich IHRE/SEINE Kommentare dazu nicht.

Früher wurde ich für mein Äußeres gemobbt. Der Grund für meine Aufregung?

Ich habe schon früh in der Schule schlechte Erfahrungen mit Äußerungen über mein Aussehen gemacht. Ich wurde für mein Äußeres gemobbt und Menschen, die sich solche Äußerungen erlauben, finde ich seither schlicht oberflächlich. Und ich bin selbst kein oberflächlicher Mensch, werde durch solche Bewertungen aber wie einer behandelt. Wie ein Mädchen, dem es wichtig ist, wie ihr Aussehen von anderen wahrgenommen wird. Nicht wie eine erwachsene, intelligente Frau.

Also, lieber Herr am Marktstand: Bedenken Sie beim nächsten Mal, dass Sie sich selbst mit solchen Äußerungen ins Aus katapultieren. Sie wirken oberflächlich und ja, wenn Sie solche Äußerungen häufiger tätigen auch ehrlich gesagt wie ein armes Würstchen. Intelligente Gespräche und echtes Interesse wären deutlich angebrachter. Und lassen Sie selbst in einem deutlich wärmeren Licht erscheinen. 

Text: Svenja Hirsch

Fotos: Photo by Bruce Dixon on Unsplash

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