Das Barbara-Gate

05.11.2019 I Svenja Hirsch

Gerade wird eine Video heiß diskutiert, in dem sich Barbara Schöneberger im Rahmen ihres Magazins zu Männer und Make-Up äußert. Männer sollten sich demnach bitte nicht schminken! sagt sie. Und erntet einen Shit-Storm. Und ich? Kann das Ganze nicht wirklich nachvollziehen – ein schwieriger Beitrag.

Barbara Schöneberger, Hater, hate, haten im netz

Ich hätte es wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, wenn sich in meinem Story-Verlauf nicht eine Influencerin sehr, sehr lange hierzu geäußert hätte: Barbara Schöneberger hat in einem kurzen Video Männer gebeten, sich nicht zu schminken und zu sehr einzudieseln.

Unter dem Video entstand eine empörte Gegenreaktion. Die sei diskriminierend und sexistisch usw., worauf auch die Influencerin einging und sich als sehr enttäuscht von Schöneberger zeigte. Ich habe das zum Anlass genommen, mit ihr über den Vorfall zu diskutieren. Um meine Einschätzung hierzu (s. seitlich beim * und unten **) abzugleichen, zu ergänzen oder gar zu verändern. Danke an diese Influencerin, die recht lange Nachrichten mit mir hin und her schickte!

Um dieses Video geht es.

Sie schrieb mir, es gehe bei dem Gegenwind zu der Aussage von Schöneberger nicht nur um Schminke, sondern um Gerechtigkeit und Toleranz. Und genau hierbei ist mir etwas aufgefallen, in dem ich folgendes ganzheitliches Problem sehe: In meiner Instagram-Blase haben mehr Influencer(innen) das Barbara-Gate kommentiert, als die Wahl von Bernd Höcke in Thüringen. 

Was das eine mit dem anderen zu tun hat?

Die Aussage von Schöneberger wird wie gesagt vor allem unter dem Fokus von Gleichberechtigung und Toleranz negativ diskutiert. Das Gleiche gilt oder sollte auch für die Wahl der AfD gelten, die mich nachhaltig schockiert hat.

Wir alle haben alle nur ein bestimmtes Kontingent an Energie zur Verfügung

Was mich zum einen erschrickt bzw. was ich mich nun wirklich frage: Wir alle haben tagtäglich ein begrenztes Kontingent an Energie zur Verfügung. Warum nutzen viele Menschen dieses lieber, um sich über eine Schöneberger aufzuregen, als über eine besorgniserregende Politik?

Eine Politik, die gegen Gleichberechtigung und Toleranz in jeglicher Hinsicht wirkt. Die immer weiter voranschreitet und uns im Gegensatz zu einer Schöneberger tatsächlich beschneiden kann. Das entzieht sich meinem Verständnis. 

Barbara ist es egal, der Politik nicht

Barbara Schöneberger ist ein einflussreicher Mensch im Unterhaltungsbereich. Dieses Video hatte angeblich hohe Klickzahlen. Bernd Höckes Reichweite ist so groß, dass er mit über 20 Prozent in Thüringen gewählt wurde. Er hat nun Einfluss auf die Politik dieses Bundeslandes. 

Warum wird nicht auf das geachtet, was insofern tatsächlich gefährlich ist? Es greift unmittelbare auf unsere Rechte und unsere Freiheiten (zum Beispiel, uns zu schminken) zu. 

Schöneberger wird es am Ende des Tages ziemlich egal sein, ob ein Mann geschminkt an ihr vorbeiläuft oder nicht. Sie findet ihn vielleicht nicht sonderlich attraktiv. Und das ist auch okay und schlicht Geschmackssache. Es ist auch jedem selbst überlassen, ihr Magazin zu kaufen und die Themen darin gut zu finden oder nicht.

Aber was wird passieren, wenn der Trend aus Thüringen ein deutschlandweiter wird?

Das Problem an solchen Diskussionen in Social Media ist, wie das Barbara-Gate nur eine von vielen darstellt: Sie ist nicht zielgerichtet. Ich habe ein paar Tage später Posts in meinem Verlauf. Menschen, die ohnehin das Barbara Magazin nicht mögen, auf den Zug aufspringen und mit haten. Es wird sich an einer schnell kurz und heftig aufgeregt und dann weiter vor sich hin gelebt. Ein Phänomen, das im WWW weit verbreitet ist. 

Ich will dies zum Anlass nehmen und zum Weiterdenken auffordern:

Was ist das tatsächliche Ziel dieses Aufruhrs? Und bringt es mehr, über eine 12-sekündige Aussage von Schöneberger zu haten oder diesen Gedankenschmalz politisch sinnvoll zu investieren? Wo genau ist der Ort, um sich für Gleichberechtigung und Toleranz sichtbar und nachhaltig stark zu machen? 

Ich bzw. wir sehen dieses Phänomen des kurzen, heftigen Aufruhrs immer wieder in den Sozialen Medien. Da werden Leute/Beiträge gebasht und mit Negativ-Kommentaren zugepflastert, bei deren Lektüre ich mich frage:

Wie lange hat sich der Kommentator wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt?

Denn oftmals ist es ein krasses, emotionales Strohfeuer, bei dem degradierende Ausdrücke fallen. Jedoch nicht in ein argumentativ fundiertes Gespräch gegangen wird.

Im Bezug auf rechte Kommentaren bei Facebook bin ich eine Weile genau in diese ‘Gespräche’ gegangen und habe dabei oftmals festgestellt, dass kaum eine argumentativ untermauerte Meinung hinter den besagten Kommentaren steht, nicht in die Tiefe gedacht wurde. 

Mittlerweile habe ich alle Beiträge zum Gegenanschreiben hier integriert:

https://www.imhirschwald.de/category/werte-und-grundsaetze/gegenanschreiben/

Bei meiner kurzweiligen Diskussion mit besagter Influencerin konnte ich hingegen zumindest ihre persönlichen Beweggründe nachvollziehen: Sie hatte sich zuvor als Barbara-Fan gezeigt, wollte sich aber von dieser Aussage distanzieren. Wie man das dann genau tut, ist eine andere Frage. 

Wenn es wichtigere Dinge gibt, dann mach‘ diese auch wichtiger!

Wir diskutierten weiterhin darüber, ob es ‘außer Frage’ stehe, dass es wichtigere Dinge, als die Schöneberger-Aussage gebe. Ich habe das verneint. Es steht nicht außer Frage, ist ergo nicht selbstverständlich. Das wird nur immer so leicht dahin gesagt.

Aber wenn sich mehr Leute auf IG zum Barbara-Gate als zu einer fragwürdigen Wahl äußern, schenken sie dem Gate ihre Aufmerksamkeit, nicht der Wahl. Letztere wird hingenommen, nicht kommentiert, ihr nicht die gleiche oder gar höhere Relevanz beigemessen. Es ist wichtig, das zu sehen und ernst zu nehmen. 

Meinungen begründen und gelten lassen können

Die Positionierung gegen die Aussage einer Schöneberger wird vermutlich nicht besonders lange im Gedächtnis bleiben. Entsprechend ist es wichtig, vor allem gesellschaftspolitisch Haltung zu zeigen, zu informieren und ins Gespräch zu kommen. Das funktioniert mit beleidigten wie beleidigenden Kommentaren nicht.

Es funktioniert nur dann, wenn jeder sich mit dem Thema beschäftigt und in der Lage ist, seine argumentativ gefestigte Meinung adäquat zu äußern. Sich auf ein Gespräch einzulassen. Und auch die begründete Meinung anderer gelten zu lassen, selbst wenn sie nicht der eigenen entspricht.

Das bedeutet auch, Gleichberechtigung und Toleranz im realen Leben ‘da draußen’ zu leben.

Ich habe mich beim Schreiben dieses Beitrages seit langem wieder sehr schwer getan, auf meine Wortwahl geachtet und mir vermutlich zu viele Kommentare unter dem Barbara-Gate durchgelesen. Auch wenn mir bei den ganzen negativen, destruktiv geäußerten ‘Meinungen’ ziemlich schlecht geworden ist, fand ich die Lektüre wichtig, wie auch den schriftlichen Austausch mit der Influencerin, um meine Meinung zu festigen und vernünftig begründen zu können.

Zum Abschluss dieses Beitrages: Ich bin nicht für ein klassisches Rollenmodell* und meine, dass jeder Mensch sich schminken und eindieseln darf, wie er möchte. Außerdem bin ich in Hamburg geboren und quasi mit Olivia Jones aufgewachsen.

Wenn ich mal was nicht schön finde… who cares?

Mir ist die Aussage von Barbara Schöneberger bezüglich meines persönlichen Lebens dennoch herzlich egal. Denn ich entscheide, mich davon nicht beeinflussen zu lassen: Es hat keiner darüber zu bestimmen, welches Rollenbild ich lebe und ob ich mich schminke, außer mir selbst.

Wer die Macht hat, über mein Leben zu urteilen, entscheide allein ich

Und solange es eine Äußerung im Rahmen einer Geschmacksfrage ist und keine politische Bestimmung, beeinträchtigt mich das, was Frau Schöneberger sagt, auch nicht. Diese Macht hat weder sie noch jemand anderes. Ich gestehe ihr diese nicht zu.

Was sagt ihr zum Barbara-Schöneberger-Gate oder auch ganz allgemein zu ähnlichen Begebenheiten im Netz? Wie geht ihr damit um, beteiligt ihr euch, haltet ihr euch lieber raus? Warum? Und wo denkt ihr, lässt sich Gleichberechtigung und Toleranz am einflussreichsten praktizieren lassen?

Danke für eure Meinung!

…und unten noch ein Vorschlag, über was wir stattdessen in punkto Gleichberechtigung und Toleranz diskutieren könnten. *

Text: Svenja Hirsch

Fotos: Photo by T. Chick McClure on Unsplash

* Ich habe den Beitrag noch vor dem Beginn der Diskussion gesehen. Mir ist dieser nicht negativ aufgefallen, da ich die Aussage überhaupt nicht als universell verstanden habe. Meiner Interpretation nach, hat Barbara Schöneberger sich hier zu ihrem eigenen Geschmack geäußert. Sie findet Männer mit MakeUp und zu viel Parfüm nicht attraktiv. 

Verschlimmbesserung?

Barbara Schöneberger hat hierzu gerade heute (4.11.) noch ein Statement abgegeben und ihre Aussage so erklärt, wie ich diese auch verstanden habe. Aber auch hierunter sammeln sich nun wieder zahlreiche Kommentare von Menschen, die diese dennoch diskriminierend finden, eine Entschuldigung fordern etc. pp. und selbst gleichfalls ausfällig werden.

Ich frage mich bei einer derartigen Kommentarwolke, in der es um Gleichberechtigung und Toleranz geht, ob es nicht auch Toleranz bedeutet, Barbara geschminkte Männer unattraktiv finden zu lassen.

Barbara Schöneberger selbst hat im Bezug auf die Gleichberechtigung von Frauen ein Medienmacht etabliert, für die ich so auf die schnelle keine zweite nennen kann. Und ich habe es auch nie erlebt, dass sie sich gegenüber anders aussehenden Menschen, geschminkten Männern etc. abfällig geäußert hätte. Gegenbeispiele gerne in die Kommentare.

Verschiedene Rollenbilder

Sie hat schon immer mit einem eher klassischen Rollenbild kokettiert und gespielt. Ich glaube auch, dass sie dieses Rollenbild durchaus für sich im Kopf hat und zum Teil privat lebt. Das geht ehrlich gesagt keinen etwas an. Sie verbreitet auch keine seltsame Propaganda wie beispielsweise eine Eva Hermann. Auf beruflicher Ebene, schon durch ihre krasse Überpräsenz und Macht, bespielt sie außerdem wiederum ein ganz anderes, nicht besonders klassisches Rollenbild. 

… und etwas, worüber ich mich tatsächlich aufrege

Weiterhin rege ich dazu an, die Energie dieser Diskussion im Hinblick auf eine allumfassend diskriminierende Begebenheit zu lenken: Ein Beispiel, das mich aktuell beschäftigt, ist die Debatte um die Chefredakteurin der Elle Germany sowie das Titelcover ‘Black is back’, das mit einem weißen Modell bebildert wurde. Weiterhin soll die Chefredakteurin bei einer Modenschau einen etwas beleibten Stylisten laut diskreditiert haben – auch, weil sie aufgrund seines Äußeren dachte, er verstünde kein Deutsch! 

Mehr dazu auf den Instagram Accounts von Diet Prada und Dogukan Nesanir: