Der Nachname

24.9.2019 I Svenja Hirsch

Irgendwo zwischen 16 und 18 Prozent liegt die Quote der Frauen, die bei der Hochzeit ihren Nachnamen behalten. Warum das heute keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Liebesbeweis ist, den ruhig auch mal der Mann erbringen kann.

Gleichberechtigung in der Partnerschaft

Ich heirate am 11. Oktober und werde meinen Nachname behalten. Genau so wie er ist. Ohne Zusatz, ohne Doppel. Und ich will vorweg schicken, dass ich es ganz großartig von meinem zukünftigen Mann finde, dass er meinen Namen annehmen wird! Ich kann mir vorstellen, dass das in einer Gesellschaft, in der leider nach wie vor viele konservative Werte als Norm genommen werden, nicht immer einfach ist. Doofe Sprüche vorprogrammiert (Lusche! Hat die Frau die Hosen an bei euch, oder was?!?…). Aber genau aufgrund dieser vorhersehbaren Reaktionen hat ein Mann, der den Namen seiner Frau annimmt, mehr Eier als alle anderen. Das nur mal dazu.

Tradition aus Angst, statt Gleichberechtigung in der Partnerschaft?

Woher die Tradition und das darauf gewachsene Verständnis kommen, die Frau müsse ihren Namen abgeben, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin weder in kirchlichen Traditionen aufgewachsen, noch hatte ich viel Religionsunterricht in der Schule (um ehrlich zu sein nada, zero, gar nicht). Dafür hatte ich immer sehr gute Geschichtslehrer. Ich kann mich nicht mehr ganz entsinnen, wie das Gespräch rund um ein paar antike Götter zustande kam. Aber er fragte im Rückbezug auf so einige menschliche Gewordenheiten, warum wohl die männlichen Götter die weiblichen zurückhielten. Und ich weiß es noch wie heute, dass ich, die sonst ihre schlechtesten Noten im Mündlichen einfuhr, mich meldete und sagte, dass sie vermutlich Angst vor den Frauen hätten.

Das war laut meinem Lehrer tatsächlich richtig und meine mündliche Note um zwei Punkte verbessert. Warum fällt mir das ausgerechnet im Hinblick auf den Nachname ein? Weil die Tradition, dass Frauen ihren ablegen darauf fußen könnte, dass diese ‚in Schach‘ gehalten werden sollen? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das einer von vielen Hintergründen gewesen sein könnte.

Müssen oder Wollen?

Es gibt einen Unterschied zwischen Tradition und Angst: Will einen Mann seinen Nachnamen behalten, weil es sonst keine Nachkommen mit diesem Namen mehr gäbe, finde ich das durchaus verständlich – wobei es nicht meine Denkweise wäre. Das heißt aber nicht, dass die Frau deswegen seinen Namen annehmen muss. Wir hatten diese Gespräche auch – ob er seinen und ich meinen Namen behalte.

Für mich gab es zwei Szenarien: Ich behalte meinen Namen so wie er ist oder nehme einen Doppelnamen an. Das wäre mein Liebesbeweis gewesen, dass ich in Zukunft mit einem viel zu langen Dingsda hinter meinem Vornamen herumlaufe. Aber okay. Meinem Mann war es aber wichtig, dass wir gleich heißen und auch unsere möglichen Kinder. Behalten wir beide unseren jeweiligen Nachnamen, müssen wir uns trotzdem bei den Kindern für EINEN entscheiden. Ergo wird immer einer von uns ganz alleine mit seinem Nachnamen durch die kleine Familie schleichen. Nehmen wir beide einen Doppelnamen an, wäre das auch der Fall – und damit ist ja wirklich gar keinem geholfen. Einzige Möglichkeit: Ich habe einen Doppelnamen, die Kinder nehmen seinen Namen an, den ich ja auch gewissermaßen trage.

Traditionen übernehmen, die mir nicht passen? Niemals!

Aber wenn ich mal ganz ehrlich bin: So wie es jetzt ist, fühlt es sich am besten an. Und nicht, weil es MEIN Nachname ist, sondern weil ich glaube, dass diese Entscheidung auch für vieles steht, vieles verkörpert von dem, wie und wer wir als Paar sind. Dass wir über Traditionen und Werte nachdenken und diese in Frage stellen – und nicht einfach gedankenlos übernehmen, weil es halt schon immer so war. Dass wir uns ganz klar mit diesen Themen beschäftigen und uns überlegen, wie es für UNS am besten ist. Für unser Leben, so wie wir es führen wollen – und nicht, wie andere es vielleicht von uns erwarten. Womit fühlen wir uns wohl? Was zeigt uns so, wie wir sind?

Wir brauchen ein ‚New Marriage‘-Verständnis

Das ist der für mich wichtigste Punkt dabei. Und im Anschluss kommt dann natürlich mein ganz persönlicher, dass ich es absolut nicht verstehen kann, warum nach einem ‚New Work‘ Verständnis nicht auch endlich mal ein ‚New Marriage‘ Verständnis aufkommt. Warum darüber gelästert wird, wenn eine Beziehung schon in solchen Dingen auf Augenhöhe passiert. Und warum eine Frau in der Beziehung nicht stark sein darf, ohne dass der Mann als Weichei deklariert wird. Das ist doch echt zum Gähnen langweilig und so kurz gedacht!

Ich glaube auch nicht, dass irgendwer vor dieser Veränderung, vor dem ‚Aufkommen‘ der Frauen Angst haben muss, speziell die Männer nicht. Im Gegenteil: Ich glaube, dass es uns alle stärker macht. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Nachname ist Identität

Ich weiß, dass es nicht allen Frauen mit ihrem Namen so geht, aber ich hätte bei einer Namensänderung auch einen Teil meiner Identität abgegeben. Den Hirsch, das göttliche, stolze Tier, den König des Waldes – so vieles verbinde ich mit diesem Bild und Nachname, der mittlerweile auch Teil meines Business ist (der Blog, mein WäldchenVerlag etc.). Mich mit dem Gefühl des Verlustes auseinanderzusetzen und ganz klar für meinen Namen zu entscheiden, meine Identität nun in Gänze zu behalten und sie sogar an einen Menschen weiterzugeben, der sie mit mir teilt – das ist eine tolle Erfahrung! Und ich kann noch nicht genau sagen, wofür, aber ich glaube, dass sie für mich auch wirklich wichtig ist.

Und zum Schluss: Ja, ich sehe das auch als im wahrsten Sinne starken Liebesbeweis. Das ist wie Socken zusammenlegen, Schmuck schenken oder Blumen mitbringen, nur viel elementarer. Und wenn man das in diesem Sinne sieht, auch gar nicht sooo weit weg von der Tradition (denn die Geschenke machen ja die Herren, oder?).

Podcast Im Hirschwald über Gleichberechtigung in der Partnerschaft

Der zukünftige Mann, Dirk (noch) Heidrich, und ich haben übrigens auch einen Podcast zum Thema Gleichberechtigung in der Partnerschaft aufgenommen. Im Hirschwald – der Podcast – besprechen wir unser Konzept von Gleichberechtigung und was eigentlich so in unserem Ehevertrag stehen wird! 

Gibt’s auf spotify kostenlos zu hören. Zum Podcast

Text: Svenja Hirsch

Foto: Photo 1 (Mrs.) by Wedding Photography on Unsplash. Photo 2 (Dirk und ich) by Svenja Hirsch.

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