Mama, ich habe einen Wal getötet!

18.9.2019 I Svenja Hirsch

Das beeindruckendste Ereignis dieser Reise war für mich ein zweiter Ausflug zum WhaleWatching. Und gleichzeitig auch das traurigste.

Springender Buckelwal, Im Hirschwald

Beim ersten Mal auf Island war ich viel aufgeregter, klar. Hatte die Tiere ja noch nie gesehen. Und so ein großer Buckelwal, wenn er das erste Mal direkt vor einem auftaucht, ist echt etwas Besonderes. Diesmal in Kanada wollten wir Orcas sehen. Aber auf der Tour gen Victoria/Vancouver Island trafen wir ‚nur‘ erst auf einen und dann weitere drei Buckelwale – alte Freunde sozusagen. Ich muss zugeben: Ich war zuerst ein bisschen enttäuscht, dass es keine Orcas waren, sondern wieder Buckelwale. Das müssen die guten Tiere irgendwie gespürt haben…

Wasserballett mit Wal

Auf der Rückfahrt nahm das Boot eine andere Route, fuhr aber wieder an den drei Buckelwalen von der Hintour vorbei. Da wir etwas Zeit hatten, gab es somit ein zweites WhaleWatching. Die drei waren auf Futtersuche und machten bereits aus der Ferne sichtbare Fangbewegungen, schlugen mit der Fluke aufs Wasser. Das sieht ein bisschen aus wie Winken. Unsere Guides beschrieb bereits das als ‚extraordinary behaviour‘ und war ganz begeistert. Dann hatten wir die drei auf einmal direkt vor dem Boot.

Wie Synchronschwimmer reckten sie ihre Schwanzflossen aus dem Wasser und tauchten diese gleichzeitig wieder ins Wasser. Das ganze Boot jubelte und klatschte Applaus. Da guckte einer von ihnen kurz hoch, steckte ein Auge durch die Wasseroberfläche, wie um zu gucken, wer ihm da zujubelte. Neben ihm tauchte ein zweiter ab, reckte die Hinterflosse sehr senkrecht nach oben – da dachte ich schon kurz, na, was der jetzt wohl vorhat…? Dann steckte ein dritter sein Maul aus dem Wasser, schaute uns an und auf einmal zack! sprang neben ihm das eben abgetauchte Tier in die Luft! Vor unserem Boot. Ein springender Buckelwal – der reine Wahnsinn!

Entschuldigung, könnten Sie das bitte nochmal machen?

Das war ein dieser wenigen Momente in meinem Leben, kurz nach denen mir erst bewusst wird, dass ich gerade etwas ungleich Großartiges gesehen oder erlebt habe. In dem Moment selbst ist es wie eine Filmszene. Komplett unwirklich. Nur mit dem Unterschied, dass ich leider nicht zurückspulen und sie mir nochmal angucken kann. Ich will am liebsten auf Replay drücken, um das Ganze nochmal und mit voller Aufmerksamkeit mitzubekommen. Meine Güte, ich war gar nicht vorbereitet, kannst du das bitte nochmal machen?!?

Jedes Kind sollte einmal einen Wal springen sehen

Ich stand bloß vorne am Bug und faselte was von ‚Oh my God!‘ und ‚Da springt das Tier da einfach hoch!‘ und hatte echt Pipi in den Augen. Ich kann mir super über traurige Filmszenen die Augen ausheulen, aber vor Freude weine ich sehr selten. Es klingt wahrscheinlich total bescheuert, aber ich habe das Gefühl, dass das nicht ohne Grund passiert ist. Dass ich zweimal genau diese Tiere gesehen habe und mir die Buckelwale (die in der Schule schon immer meine Lieblingswale waren, ich habe sogar mal eine Mappe dazu gemacht und das weiß ich, obwohl es in der zweiten Klasse oder so war und somit schon echt lange her ist) mir meine blöde Enttäuschung über No-Orcas so richtig schön heimgezahlt haben!

Keine Ahnung, wie intelligent diese Tiere tatsächlich sind, aber ich halte sie für sehr sozial. Die spüren, wen sie berühren und für sich gewinnen können. Und so ist das jetzt erst recht bei mir: Ich bin seit diesem Moment umso mehr in die ‚sanften Riesen‘ verliebt. Es sind so unfassbar faszinierende und wunderschöne Tiere. Jedes Kind, das jemals auf die Welt kommt, sollte die Chance haben, einen Wal genau so zu erleben, wie ich es erlebt habe. Und genau hier kommen wir zum traurigen Teil der Geschichte.

Buckelwal, Im Hirschwald

Was hier los wäre, wenn der Mensch keine Wale jagen würde!

Als wir auf der Hintour mit dem Schiff zwischen den Inseln fuhren, war dort über und über glattes Wasser. Keine Kräuselung, nichts. Da brachte mein Freund den Spruch: „Eigentlich absurd, dass wir rausfahren, um nach Walen zu suchen… Wenn man sich vorstellt, der Mensch hätte nie Wale gejagt – was hier dann los wäre!“ Es ist wie mit Kreuzfahrten in die Arktis, um noch einmal die letzten Eisschollen zu sehen, bevor sie schmelzen. Mich hat dieser Gedanke unendlich betrübt. Erst recht nach dem Sprung. Und auch, wenn ich selbst niemals einen Wal töten würde, habe ich es indirekt wahrscheinlich schon getan. Und Du auch.

Ein paar Fakten, warum Du und ich unbewusst Wale töten:

Greenpeace hat dazu einen kurzen, knackigen Beitrag geschrieben. Hierin geht es um den Walfang bzw. den einzigen Walfang-Betreibenden auf Island, der außerdem größter Anteilseigner bei HB Grandi ist – eine Firma, die vor allem Grund- und Hochseefische exportiert. Größter Abnehmer: Deutschland. Wenn man jetzt weiß, dass der Walfang in Island vor allem deshalb geschieht, um die Fischbestände zu schützen (denn gerade die gejagten Walarten fressen diesen sehr gerne), der kann sich vielleicht schon denken, worum es eigentlich geht. Durch den Walfang werden in diesem Fall u. a. die Fischexporte abgesichert. Ich zumindest werde mir meinen nächsten Fischkauf zweimal überlegen. Es kann sein, dass dafür Wale getötet werden und wurden.

Und natürlich ist auch hier wieder der Klimawandel, der vom Menschen verursachte Plastikmüll in den Meeren sowie der Schiffsverkehr Schuld am eingeschränkten Lebensraum und Verenden der Wale. Der Grund, weshalb wir Geld dafür zahlen, damit uns Boote rausfahren und wir die Tiere sehen können. Absurd! Was tue ich also, um in Zukunft Wale zu schützen:

  1. keinen Fisch essen. Und wenn, dann sehr genau auf dessen Herkunft gucken, auf nachhaltigen Fischfang ohne Gefährdung anderer Arten.
  2. keinen Plastikmüll produzieren.
  3. keine Kreuzfahrten oder andere Schiffsausflüge machen, die Wale nicht beachten. Und vor allem nicht mit dem Sportboot über den Rücken der Tiere brettern! (Ja, es gibt solche Menschen!)
  4. Walschutz unterstützen.

Wenn wir etwas gegen den Walfang und ganz generell für den Schutz dieser Tiere tun wollen, dann bleibt das, was ich von den Kanadiern auch im Bezug auf Waldtiere etc. gesehen habe: Sie versuchen, den Lebensraum dieser Tiere zu akzeptieren und sich einzugestehen, dass sie den Tieren diesen ja auch zum Teil nehmen. Der Ozean ist nicht unser Gebiet, es ist das der Wale. Also halten wir unseren Müll und unsere Schiffe da bitteschön weitestgehend raus! Und genauso wie ich nicht jeden Tag Fleisch essen muss, sieht es auch beim Fisch aus. Bewusst und reduziert konsumieren. Auf der Website der Organisation Sea Shepherd schreibt diese zum Beispiel über die Schillerlocke, die vom gefährdeten Dornhai stammt – und von uns Menschen nach wie vor äußerst gerne gekauft und gegessen wird.

Für die Organisation kann man außerdem spenden und die Arbeit auf und für die Ozeane unterstützen -> https://sea-shepherd.de. Sie ist bekannt für durchaus aufsehenerregende Aktionen auf den Meeren, z. B. gegen Walfänger und Co. Und auch Greenpeace kann man diesbezüglich natürlich unterstützen. Ich habe auch nach Walpatenschaften Ausschau gehalten, aber noch nichts seriöses gefunden. Wenn doch, werde ich das hier nachliefern – vermutlich wird es aber jetzt auf eine Unterstützung von Sea Shepherd hinauslaufen, da diese sehr spezifisch und genau wirkt, wo ich mein Geld haben will.

Ich hoffe sehr, dass ich Dich zum Nachdenken anregen konnte! Wenn Du weitere Ideen und Vorschläge hast, was ich bzw. wir von unserem gemütlichen Wohnzimmer aus für die Wale tun können, schreib mir das doch in die Kommentare. Danke!

Text: Svenja Hirsch

Foto: Photo 1 (Walsprung) by Sho Hatakeyama on Unsplash, Photo 2 (Walflosse) by TR Davis on Unsplash.

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