Thank you!

18.9.2019 I Svenja Hirsch

Der meist gesagte und gehörte Satz in Kanada: Thank you! Gestern zurück in Hamburg in der Bahn: Ein älterer Herr wünscht einem jüngeren Gesundheit. Auf ein ‚Danke‘ wartete ich vergeblich und hätte es am liebsten stellvertretend zurückgegeben. Warum Freundlichkeit Spaß macht.

Dankbarkeit, give thanks

Ich glaube, dass diese freundliche Gepflogenheiten in der Sprache sehr viel mit uns machen. Wenn ich mich beispielsweise bedanke, gebe ich damit zu verstehen, dass ich das freundliche Verhalten einer anderen Person gesehen habe und es wertschätze. Jemanden sehen, jemanden begrüßen, gehört auch zu diesen seltsamen Gepflogenheiten in Kanada, die ich hier nur vom Dorf kenne: Läuft man in Jasper auf einem der vielen Wander- und Radwege einem anderen über den Weg, wird gefälligst freundlich gegrüßt! Egal ob man den anderen kennt. Was man eigentlich nie tut.

Aggressives Kaffee-Nachfüllen. Ich möchte bitte hierbleiben!

Das glaubt mir vielleicht wieder keiner, aber es macht echt Spaß! Wenn einem so ein bärtiger Kanadier mit Cowboyhut über den Weg läuft und mit breitem Akzent ein ‚How ya doin‘ fellas!?‘ rüberschmettert, ist das so eine Freude, dass einem die Ohren klingeln. Und genauso verhält sich das auch mit der Dankes-Kultur in Kanada. Es macht richtig Spaß, nicht nur, dieses Danke selbst zu hören, auch es zu sagen. An der Kasse vom Supermarkt am besten sechs bis sieben Mal während des Kaufvorganges. Im Restaurant durchaus zehn bis zwölf Mal, wenn die Bedienung hin und wieder an den Tisch kommt und nachfragt ‚Are you ok? Can I do something for you?‘ und währenddessen konsequent Kaffee nachschüttet, den man nicht extra bezahlen muss – God, I‘m in heaven!

Kaffee

Wir haben nicht die Freiheit, freundlich zu sein

Diese Freundlichkeit ist anscheinend tief in den Kanadiern verwurzelt, denn sie wirkt weder künstlich aufgesetzt, noch übertrieben. Selbst das vierzehnten Danke ist noch herzlich und ehrlich. Zurück in Deutschland vermisse ich das direkt. Schon am Flughafen. Es ist auch alles viel schneller und wirkt gehetzter. Wobei: Selbst in kanadischen Stresssituationen zum Beispiel am Flughafen oder bei enormen Verspätungen des Zuges, bleiben die Leute zu 90 Prozent freundlich. Aber diese Situationen sind verschwindend selten.

Kanadische Freundlichkeit? Komplett unkontrolliert!

Wir hatten es auf unserer Reise die meiste Zeit mit äußerst entspannten Menschen zu tun, die trotz oder gerade wegen ihrer Entspanntheit alles pünktlich und sauber hinbekommen haben. Ich frage mich, warum das hier, im Land der Bürokratie und Ordnung nicht so ist? Vielleicht wirklich, weil eine Dame, die am Flughafen Bagel verkauft, nicht einfach sagen kann: 10 Dollar haben Sie nur noch? Ach, kein Problem, das bekommen wir mit Ihrem Wunschbagel schon hin! Oder Café-Bedienungen nicht so viel Kaffee nachschenken können wie sie lustig sind, ohne dass der Chef kritisch guckt. Alles ist kontrolliert und abgezählt. Wir haben nicht die Freiheit, freundlich zu sein.

Einfach mal nett sein zum Alltag hinzufügen

Gleichzeitig denke ich, wenn das im Dienstleistungssektor nicht möglich ist, wo dann? Und: Wenn es beruflich nicht geht, dann doch so, privat oder auch privat unterwegs im öffentlichen Raum. Dort, wo ich auf andere, mir nicht bekannte Menschen stoße. Zum Beispiel in der Bahn. Oder beim Einkaufen oder ähnlichem. Aus meiner Zeit, als ich noch am Info-Counter der Messe gearbeitet habe, weiß ich, dass es nichts schlimmeres gibt als Menschen, die meinen, weil du Dienstleister bist, können sie so scheiße sein wie sie wollen. Die glauben, du würdest dafür bezahlt, dich schlecht behandeln zu lassen. Spätestens seitdem bin ich immer sehr freundlich zu Verkäufern an der Kasse usw. Kanada hat mir gezeigt, dass selbst da noch mehr geht! Ich finde das gerade in Zeiten, in denen jeder nur aufs Handy starrt, umso wichtiger, dass wenn man schon mal den Kopf hebt und vom Bildschirm auf einen Menschen schaut, diesen auch wirklich (an-)sieht und so deutlich freundlich ist, dass dieser Mensch es gar nicht überhören kann! Ein herzliches und dadurch umso lauteres Freundlichsein ist jetzt mein Next-Step.

Übrigens: In den Zügen des französischsprachigen Teils Kanadas gibt es an jeder Station die Durchsage, man solle aus Rücksicht alle Handys auf lautlos schalten und Kopfhörer benutzen. Außerdem sei respektloses Verhalten weder anderen Gästen, noch dem Personal gegenüber geduldet und werde mit ‚Zero Tolerance‘ behandelt. Liebe Deutsche Bahn, bitte setzen Sie dies doch in Zukunft auch in Ihren Zügen um. Thank you, thank you, thank you!

Text: Svenja Hirsch

Foto: Photo 1 (Schild) by Simon Maage on Unsplash, Photo 2 (Kaffee) by Nathan Dumlao on Unsplash.

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