All time Body Positivity

18.9.2019 I Svenja Hirsch

Bei der Bedienung in Vancouver, The Main, weiß ich ziemlich genau, wie ihre Brüste aussehen. Nicht, weil ich ein gutes Vorstellungsvermögen und Fantasie habe, sondern weil ich sie wirklich gesehen habe! Ein Beitrag für maximale Körperfreude.

Brüste, Törtchen, Torten, Body positivity

Es war nur ein sehr dünner und tief ausgeschnittener schwarzer Stoff über den Brüsten der Bedienung, sonst nichts. Später wurde die junge Frau von anderen Gästen auf ihren Lacklederrock angesprochen, den sie wohl aus einer alten Jacke und einem Gürtel zusammengezimmert hatte. Ihr Selbstverständnis und wie sie dort so vor den Gästen stand und sich freute, war großartig!

So ähnlich auch die Bedienung in Montreal, Juliette Chocolate. Da war zwar ein T-Shirt drüber, ein BH aber ganz sicher nicht. In diesen zwei Momenten habe ich keine Gaffer bemerkt. Keine komischen Blicke, sondern eher Bewunderung und einfach ganz normales Verhalten. Ich finde das echt bemerkenswert. Zumal ich gerade gestern ein paar Artikel über Billie Eilish gelesen habe, die unter anderem deswegen so weite Kleidung trägt, um nicht auf ihre großen Brüste oder sonstige Körperteile reduziert zu werden – wie passiert, als sie nur ein einziges Mal aus Versehen ein enges Tanktop trägt. Ich kenne das Gefühl von früher. Ich trage daher auch keine Tanktops. Eigentlich absurd!

Bei beiden Bedienungen muss ich dazu schreiben, dass die zwei eher zum Small Titts Club gehörten. Tut dem ganzen Body Positivity Ding aber keinen Abbruch: Eine weitere Bedienung, wieder Vancouver, und sehr viele andere Frauen, die bei weitem nicht ganz so schlank waren, liefen dort recht eng anliegend, schön gestylt und durchaus auch mal bauchfrei durch die Gegend. Ebenfalls großartig! Und eigentlich schlimm, dass ich das meine so hervorheben zu müssen. Schöner wäre, wenn es selbstverständlich sein könnte.

Sind das Verstecke oder Wohlfühllooks?

Als wir wieder in Hamburg ankamen, fielen mir direkt die eher pummeligen Mädchen am Bahnsteig auf, die mit Schlabber-T-Shirt und seltsam weiter Strickjacke einstiegen. Ich frage mich so mit Blick auf Kanada, ob das ein Wohlfühllook ist? Oder ein Verstecken der Figur, vielleicht auch einfach gelernt, weil es für Fülligere nichts Schönes gibt oder man hier einfach immer dumm angemacht wird, wenn man bestimmte engere Kleidung trägt, bei der dann auch mal ne Speckfalte zu sehen ist?

Enges, kurzes Shirt mit Bauch? Yeah!

Ich kann mir gerade letzteres vorstellen – und im Bezug auf Kanada, dass gerade die Herzlichkeit, mit der die Menschen dort reden und einfach sind (s. Kanada Top 2) auch ordentlich dazu beiträgt, dass solche Outfits dort Gang und Gebe sind. Ein Glück! Ich hoffe sehr, dass das ebenfalls ein amerikanischer Einfluss sein wird, der irgendwann zu uns herüber schwappt. Und dann lauter Bäuche zu sehen sind, wie beispielsweise wieder in Montreal: Dieses Wesen zwischen Mann und Frau (wahrscheinlich Mann, aber mit Zöpfen), trug den Britney Spears Baby-One-more-time-Look und hatte ein leicht zu kurzes Shirt mit einem mächtigen Wallerbauch darunter an, der fröhlich über den Schoolskirt schwabbte. Und ich beschreibe hier und auch in den anderen Beispielen nicht den Look, den einer hat, der sich gehen lässt. Den Alltime Couch und Chips-Vertreter, der den Sinn für sich selbst verloren hat. Nein, das hier sind alles Menschen, die sich sehr bewusst genau so anziehen und sehr bewusst genau so rausgehen. Die sich zeigen und Spaß am ganzen Aussehen-Anziehen-Wirken haben. Die Bock auf sich selber haben.

Buddha, Dankbarkeit

Lieber drei Joes als ein schlanker Griesgram

Und um auch die Typen nicht zu kurz kommen zu lassen: Es gibt aufgrund der reichlichen Portionen, die nicht immer einen Salat mit Essig-Öl-Dressing darstellen, recht viele ziemlich beleibte Männer in Kanada. Typ Holzfäller – aber mit schickem Hemd! In der Regel heißen diese Männer Joe. Joe, so wie der Schaffner, der zwischen Toronto und Montreal für unseren Waggon zuständig war. Joe war wirklich extrem ausladend, schob seinen kleinen Kaffeewagen mit so viel Herzblut hin und her, hatte dazu immer ein sehr großes Lächeln und spinnige Sprüche auf den Lippen, dass er wiederum einfach extrem schön war. Wie er da so schob und in sein glatt gebügeltes, blütenweißes Hemd schwitzte.

Sorry, aber da kann so ein geschniegelter, schlanker Typ, der ne Fresse zieht und komplett gestresst durch die Gegend hantiert leider mal so gar nicht mithalten! Lieber dreimal Joe, als so einen.

Das bin ich und das ist mein Körper

Das alles hat auch meine Blick verändert. Gerade als mir die T-Shirt-Mädels am Bahnsteig mir so auffielen, was vorher nicht der Fall gewesen wäre. Fast ein bisschen traurig, dass bei uns immer noch eher graues Mäuschen als selbstbewusste Frau angesagt ist. Ich kann mich da selbst nicht ganz ausnehmen.

Ich fand so Frauen wie Lizzo und Co. zwar auch vorher schon toll, aber jetzt noch viel bewusster. Weil ich nun genau weiß, warum! Es tut einfach gut, mit Offenheit und Herzlichkeit jeden Menschen und dessen Körper anzuschauen, vor allem aber den eigenen. Spaß daran zu haben, wenn andere sich toll und wild anziehen, und das einfach mal für sich selbst auszuprobieren.

Text: Svenja Hirsch

Foto: Photo 1 (Törtchen) by Annie Spratt on Unsplash, Photo 2 (Buddha) by Bethan Abra on Unsplash.

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