(K)ein Volontariat

9.9.2019 I Svenja Hirsch

Ich dachte, ich hätte alles richtig gemacht: Gutes Abitur, Studium in der Regelstudienzeit knackig und mit Topnote durchgezogen. Und dann kam die Lücke im Lebenslauf… Warum schräge Lebensläufe besser fürs Gemüt sind und sich am Ende eh keiner für das Stück Papier interessiert.

Lücke im Lebenslauf

Ich war erst Anfang zwanzig und mit Anfang zwanzig war zumindest ich der Meinung, ich müsse alles so machen, wie es von Außen an mich herangetragen wird, weil sonst hätte ich eh verkackt. Karriere machen geht nur, wenn du nach Lehrbuch deine Leistungen dropst  und auf keinen Fall eine Lücke im Lebenslauf hast!

Der erste Schritt in die verkehrte Richtung: Alle andere bewarben sich bereits, während des Schreibens ihrer Masterarbeit. Ich nicht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt anscheinend schon nicht so den großen Drang, nach dem Leben als arme Studentin nochmal in ein Leben als arme Volontärin einzutauchen. Außerdem wollte ich mich lieber auf das Schreiben der Arbeit fokussieren.

Mein f*cking Volo bei der Yellow

Doch irgendwann packte mich die Panik – und ich fing mit den Bewerbungen an. Eine davon landete im Briefkasten eines kleinen Yellow Press Verlages in Hamburg. Ein Netzwerk bestand, durch das ich wusste, dass der Chefredakteur ‚ein Guter‘ ist. Na ja, langes Schreiben, kurzer Sinn: Ich bekam das Volontariat. Für sage und schreibe 1000 Euro brutto im Monat fing ich dort an (natürlich sollte das Volontariat die maximale Laufzeit von zwei Jahren gänzlich ausreizen).

Der Chefredakteur war super, die Kollegen nett, nur eine wurde nach zwei Wochen gegangen, weil der Chefchef dann wohl doch nicht ganz so nett war, wie sich noch herausstellen sollte. Stattdessen übernahm ich nach zwei Wochen die Ressorts der Kollegin (auch eine Volontärin, wie alle dort).

Irgendwann bekamen wir Unterstützung durch einen Freiberufler, den der Chefredakteur kannte. Er und die Sekretärin mochten sich – nicht ganz so. Ein ganz komisches Gemurschtel. Auf jeden Fall wurde er irgendwann vom Chefchef ins Zimmer geordert, saß dann noch kurz an seinem Platz und ging. Er kam nicht wieder und hatte wohl auch schnell noch seine bis dahin geschriebenen Texte gelöscht (heute kann ich sagen: geiler Move!). Angeblich hatte dem Chefchef seine Arbeitszeiten nicht gepasst und er wollte, dass der Kollege fortan immer von unserem Büro aus arbeitete, was dieser, ein Freelancer, verständlicherweise ablehnte.

Ihr seid alle komplett austauschbar

Es gab eine Besprechung am großen Tisch, bei der der Chefchef ‚große Veränderungen‘ ankündigte. Auch, was die Rolle des Chefredakteurs betraf. Als meine Kollegin das in Frage stellte, bekam sie bloß ein „Wir sind ein kleiner Verlag. Wem das nicht passt, der kann ruhig gehen. Es warten noch genug andere vor der Tür. Ich kann hier jeden sofort ersetzen.“

Bei mir lief es schließlich so: Ich sollte die textliche Betreuung der Kreuzworträtsel übernehmen. Sprich: Texte zu den Gewinnen schreiben etc. Da unsere Sekretärin die Gewinnpartner heraussuchte, setzten wir uns zusammen und die Absprache war, dass wir das zunächst in Rücksprache und gemeinsam machen. Ich hatte ja zusätzlich noch ein ganzes Ressort. Nun ja… gemeinsam klappte das nicht so ganz. Sie warf mir zwischen meine anderen Sachen Texte, die ich dann SOFORT zu schreiben hatte.

Zwischendurch wurde bei uns in der Redaktion die Türen geschlossen und ja, ehrlich gesagt ziemlich doll über die Geschichte mit unserem Freelancer gelästert. Wobei ich mich da eher raushielt.

Der große Knall

Schließlich bekam ich mit, wie eine Kollegin und die Sekretärin sich über mich unterhielten, erstere mich in Schutz nahm, ich sei ja nicht faul… Da ich Gespräche über andere, während diese zuhören (können) echt daneben finde, ginge ich einfach hin und stellte mich dazu – ich hätte meinen Namen gehört, was denn los sei. Die Sekretärin beschwerte sich, da ich nicht machen würde, was sie sage. Ein Wort gab das andere und ich meinte, dass ich das unter diesen Umständen nicht machen werde, die Absprache sei eine andere gewesen. Ja, dann müsse sie das wohl mal mit dem Chefredakteur besprechen, wer das dann mache. Ich: Ja, das könne sie ruhig tun.

Fünf Minuten später wurde auch ich zum Chefchef gerufen, gemeinsam mit meiner Kollegin. Was ich vergaß zu erwähnen: Ich hatte die ganze Zeit Bauchschmerzen, schon die paar Tage davor, als die Sache mit dem Freelancer in die Vollen ging. Und jetzt erst recht. Jetzt saß ich da und wollte erklären, wie die Sache abgesprochen gewesen sei – und mir wurde der Mund verboten. Ich solle die Sekretärin gefälligst unterstützen.

Der Chefchef fuhr mir einfach drüber und als ich es erneut versuchte, erteilte er mir ‚mündlich‘ eine Abmahnung. Ich saß da und fühlte mich so kleingemacht, so manipuliert. Und das ist ein Gefühl, das ich noch nie ertragen konnte. Ich atmete noch einmal tief durch und sagte: „Dann kündige ich hiermit.“, und verließ den Raum.

BAM! Jetzt bist du hier raus, sagte mein Kopf

Ich setzte mich nochmal an meinen Platz. Und wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich hätte vielleicht auch alle meine bis dato geschriebenen Texte (ich hatte alle Rätsel bereits fertig) löschen sollen. Der Chefchef wollte mich nochmal zum Chefredakteur zitieren, ich weigerte mich. Er legte mir fünf Minuten später die seinerseits schriftliche Kündigung hin. Mündlich zählt halt nicht. Das nur mal so als Info – macht aber in solchen Fällen nichts: Kündigt man selbst, bekommt man nicht gleich Arbeitslosengeld, in meinem Fall eh nicht, da ich noch kein Jahr in der Festanstellung war. Das war es aber nicht, was mein Chefchef damit ausdrücken wollte. Für ihn war es seine Macht, die er durch die Kündigung mit Begründung der Arbeitsverweigerung (ich hatte alle Rätseltexte fertig…) glaubte, demonstrieren zu können.

Ich zog ihn noch kurz vors Arbeitsgericht, hatte aber zu viel Schiss vor den Anwaltskosten, um die Sache durch zu ziehen (mittlerweile würde ich das tun!), immerhin musste er so noch einen Anwalt bezahlen. Ich habe die Klage mit ungefähr diesen Worten fallen lassen: Dass ich mittlerweile in einer gut laufenden Selbstständigkeit sei und nicht mehr auf irgendetwas angewiesen sei. Meine kleine Machtdemonstration.

Mut zur unpopulären Entscheidung – you don’t have to deal with it!

Was ich also tat, war etwas mehr als unpopuläres: Ich brach mein Volontariat ab und ging auch nicht in ein neues, sondern direkt in die Selbstständigkeit. Ich nutzte meine vielen Praktika und mein Netzwerk bzw. wirklich gute Freunde, die mir halfen, um mich selbst in eine Lage zu bekommen, in der ich nicht wieder Vollzeit mit derartigen Psychos zu tun haben musste.

Aus freiem Fall zum freien Flug

Mir tat damals mein ganzer Körper und Kopf weh. Ich fühlte mich wie ausgekotzt vom Leben. In dem Moment hatte ich das Gefühl, ohne irgendetwas dazustehen. Keine Tätigkeit mehr, eine Scheiß-Kündigung, Hartz 4. Auch das ist wieder so ein Versager-Gefühl. Aber rückblickend würde ich es immer wieder machen. Mittlerweile formuliere ich meine Ansichten gesellschaftsverträglicher als damals, aber ich lasse mir heute erst recht nicht mehr den Mund verbieten. Und ich will auch nicht für jemanden arbeiten, der so missachtend und respektlos ist, egal ob ich bei ihm angestellt bin oder nicht.

Es war überhaupt kein schönes Gefühl, nein. Und ich kann verstehen, dass viele Menschen Angst haben, solche Entscheidungen zu treffen und den Mut dafür nicht aufbringen. Ohne eine Option hat man zunächst das Gefühl, ohne Netz und doppelten Boden zu springen. Freier Fall.

Aber aus einem freien Fall kann sich ein freier Flug entwickeln, wenn man früh genug anfängt, kräftig mit den Flügeln zu schlagen. Ich hätte mich in dem Moment auch für jeden 450 Euro Job anstellen lassen, bloß um wenigstens etwas zu verdienen. Zum Glück fand ich schneller etwas besseres. Und ich glaube, dass jeder, der diesen Blog ließt und es bis hierher geschafft hat, es auch schafft, sich aus einer misslichen Joblage selbst herauszuholen. In dem er oder sie zum Beispiel einfach kündigt.

Undiplomatisch gesprochen: Der Chef war ein Arschloch!

Und ganz ehrlich: Mich hat nie jemand ernsthaft für die drei Monate Volontariat schief angeschaut. Ja, ich habe sie in meinen Lebenslauf hinein geschrieben. Und mir überlegt, was ich antworte, wenn mich jemand danach fragt:

„Nun, diplomatisch gesprochen war die Firmenphilosophie nicht meine.“ – „Und undiplomatisch gesprochen war der Chef ein Arschloch?“ – „Japp!“ Den festen Freelancer-Auftrag nach diesem Vorstellungsgespräch bei Sehnsucht Deutschland und später Der Hamburger bekam ich daraufhin übrigens! So kann das gehen. Denn auch solche vermeintlichen Lücken oder Entscheidungen zu teilen, Mut zu zeigen, machen authentisch und menschlich. Sie machen nahbar. Der andere wird sich ganz bestimmt an dich erinnern!

Außerdem weißt du: Wer dich schief anschaut deswegen, der ist wahrscheinlich nicht besser, als der Rausschmeißer. Und zu so einem willst du ganz bestimmt nie wieder gehen!

Du musst gar nichts – vor allem nicht, dich scheiße behandeln lassen

Und ja, nochmal ganz ehrlich: Hab Mut zur Lücke! Gehe nicht mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Lass dich lieber ein paar Tage krank schreiben und nutze die Zeit, dir über deine Situation klar zu werden. Woher die Bauchschmerzen kommen. Das wäre ungefähr das, was ich meinem 20-Jährigen Ich heute sagen würde. Keine Angst haben, einfach mal den Lebenslauf zu runterfallen zu lassen.

Bei mir hat das dazu geführt, dass ich nach meinem ach so stringenten Studium etc., meinen vielen Praktika, mit denen ich prädestiniert gewesen wäre, für eine erfolgreiche Karriere in großen Agenturen und Verlagen mit gerade mal 33 einen der aus- und erfülltesten Lebensläufe habe als viele andere in meinem Alter. Und so ein Lebenslauf kann nicht schnurgerade sein.

Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf – Ja, war geil!

Guck dir das doch mal genau an: Eine gerade Linie ist sehr viel kürzer, als eine kurvig oder im Zickzack verlaufende auf derselben Distanz! Es passt viel mehr rein in so einen schrägen Lebenslauf. Und in eine Lücke im Lebenslauf sowieso. Ein Sprecherausbildung zum Beispiel, eine Verlagsgründung, einmal auf ‘nem Foodtruck mitarbeiten, auf SEO-Texte umschulen und mit Anfang 30 doch noch mit einer Promotion beginnen. Und das war bestimmt noch lange nicht alles!

Vor allem mittlerweile, aus heutiger Sicht, sehe ich es auch echt nicht ein, warum jemand, der studiert hat und somit bereits eine Art Ausbildung abgeschlossen hat, dies nochmal tun sollte. Für unfassbar wenig Geld weitere zwei Jahre arbeiten? Wozu gibt es Junior Positionen? Oder auch schlicht eine Probezeit? Volontariate sind meines Erachtens bloß billige Arbeitskräfte, mehr nicht. Und ob man das sein möchte, das muss jeder selbst entscheiden. Wichtig bleibt dein Bauch: Wenn er schmerzt, frag ihn, warum! Und deinen Kopf bitte auch. Ach so, und noch etwas: Hab Mut! Du stößt damit ganz sicher etwas in dir und womöglich auch in anderen an. hab Mut zur Lücke im Lebenslauf.

Dazu noch ein kurzer Epilog: Kurz nach meinem Weggang wurde auch der Chefredakteur ‚im Einvernehmen‘ (er war auch frei) gegangen – und nahm mal kurz die gesamte Layout-Abteilung zu seinem neuen Arbeitgeber mit. Auch zwei weitere Kolleginnen aus der Redaktionen gingen. Und mein Chefchef musste fast das gesamte Team neu besetzen. Ich war wohl nicht die einzige mit Bauchschmerzen.


Dieses Erlebnis habe ich übrigens in den Geschichten ‚Der Oberboss‘ und ‚Samstag‘ verarbeitet. Beide kannst du in dem Erzählband „Ambigue Begegungen“ lesen, gibt es bei BoD und Amazon als Print und Ebook!

Text: Svenja Hirsch

Foto: by Bruno Figueiredo on Unsplash

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