Die Schreibblockade

13.8.2019 I Svenja Hirsch

Im Sommer 2017 starb mein Stiefpapa unerwartet an Krebs. Bevor er ganz ging, kam etwas anderes. Meine imaginäre Freundin. Die Schreibblockade.

Ich bin Autorin und Texterin. Also schreibe ich. Das habe ich schon immer. Das ist mein Ding, meine große Liebe. Und wie das mit jeder großen Liebe so ist: Manchmal läuft es nicht so ganz rund.

Schreibblockade

Komm mal her, Schreibblockade, wir müssen reden!

2017 war das schlimmste Jahr meines bisherigen Lebens – und ich hoffe, das bleibt auch so. Mit dem Krebs meines Stiefpapas hatte keiner gerechnet. Und das er so schnell gewinnen konnte erst recht nicht. Drei Monate nach seinem Tod trennte sich mein damaliger Freund von mir.** Und ich? Habe weiter gearbeitet. Ich habe keine Pause eingelegt oder mich ein paar Tage weinend zuhause verkrochen. Ich habe mich gefragt, was mir das bringen würde und mich lieber mit meiner Arbeit abgelenkt.

Die Schreibblockade war schon vorher da: Im März 2017 verschaffte sie mir sage und schreibe knapp 600 Euro. Das muss nicht schlimm sein. Es sei denn, man verdient so wie ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als 1000 Euro im Monat.

Höher, schneller, weiter? Okay, I’m off

Ich habe für alles doppelt so lange gebraucht. Jedes Wort, jeden Satz, jede Pause. Habe diese 50 Prozent mehr Zeit nie auf irgendeine Rechnung gesetzt. Ich wusste, ich kann das besser, schneller, effizienter. Und vor allem mit viel mehr Freude und Spaß an der Sache, die in meinen Texten zu lesen waren. Aber jetzt? Keinen Spaß, raus zu gehen. Akquise zu machen. Über Honorare zu streiten. Für Magazine Menschen zu interviewen. Kreativ zu sein.

Freundlich sein ging gerade noch, ehrlich Interessiert-Sein nicht. Ich wollte nur Zuhause sein und meinen Kopf in einen Becher Schoko-Eis stecken. Mich mit Menschen umgeben, die mich sehr gut kennen und wissen, was gerade in meinem Leben passiert.

Wenn das Wasser dir bis zum Hals steht, lass den Kopf nicht hängen

Der März mit dem geringsten Verdienst meiner Laufbahn war ein schlimmes Gefühl. Ich merkte, dass ich mir selbst einen festen, sicheren Rahmen geben musste, um nicht komplett unterzugehen. Im Familienurlaub, Herbst 2017, zog ich an der Reißleine, bewarb mich auf Teilzeitstellen und stellte Gesuche in verschiedene Jobportale. Ich hatte so eine Ahnung, so eine Idee im Kopf: Vielleicht vom Print in den Onlinebereich wechseln und Texte unter ganz konkreter Vorgabe schreiben.

Einmal Wunschkonzert, bitte!

Dieser Urlaub war der letzte mit meinem damaligen Freund, der sich ca. zwei Tage nach dem Urlaub von mir trennte. Dafür trat mein jetziger Chef in mein Leben (Ironie off). Ein kurzer Testlauf in Form eines freien Auftrags, dann habe ich doch tatsächlich beim Wunschkonzert erste Geige gespielt und mir eine Teilzeitstelle als Texterin ausgesucht. Mit Vorgaben und Anweisungen (ne, mach mal so, mach mal so). Das half mir ungemein, weil ich mir weniger Gedanken machen musste – und vor allem keine Sorgen mehr über meine Finanzen.**

Auch freiberuflich krempelte ich alles auf SEO um, Texte nach Keywords für Websites. Durch meinen festen Job konnte ich Aufträge, die mir nicht passten, ablehnen. Und bei zugesagten Jobs umso mehr Liebe reinstecken.

→ Erfolgserlebnis: Eine Kundin empfahl mich an eine andere weiter, mein Herz wieherte!

Ich habe durch dieses Vorgehen, den Entschluss, mir eine Sicherheit zu geben, mich selbst gerettet. Und es auf diese Weise geschafft, zwei Jahre mit meiner Schreibblockade zu leben. So kurios das klingt. Statt meine Liebe aufzugeben, habe ich sie in andere Richtungen gelenkt, die sich als rentabler und zukunftsorientierter herausstellt. Es läuft, mein Konto freut sich, aber ich…? Ich kaufe mir von dem Geld eine Karte, auf der steht:

Great things never came from comfort zones

Komfortzone, Schreibblockade

Meine imaginäre Freundin, die Schreibblockade, ist im Prinzip auf viele andere Ängste und Blockaden übertragbar. Ich bin mir mittlerweile sogar ziemlich sicher, dass sie eigentlich bloß ein Symptom für etwas ganz anderes ist.

Ich habe in dieser Zeit nichtsdestotrotz zwei Bücher veröffentlicht. Aber ich zeige mich nicht. Und über ‚echten‘ Themen, redaktionellen Texten, meiner ellenlangen Themenliste für diesen Blog, sitze ich – und gehe dann doch lieber Wäsche waschen. Weil es zu nah an mir dran ist, diese Dinge? Wer weiß. Mein Kopf steckt noch im Eisbecher.

Schreibblockade als Symptom für „Oh-mein-Gott,-ich-kann-nicht“

Meine Schreibblockade ist das Symptom für die Angst, ich selbst zu sein. Das Gefühl kennt jeder, der schon mal eine Blockade hatte. Ich denke, dass genau das überhaupt der Grund für „Oh-mein-Gott,-ich-kann-nicht“ ist.

Ich habe mich aus gutem Grund verkrochen und dieser Grund steckt mir wie ein fetter Kloß im Hals. Gleichzeitig merke ich, dass meine kreative Kraft zurückkommt. Wenn ich aufschreibe, was ich trotz dieser Zeit alles gemacht habe, dann bin ich erstaunt über mich selbst und dieses Bewusstwerden zeigt mir, dass meine Blockade nicht in meinem Können liegt. Ich kann das. Ich bin Text-Profi. Und meine Kraft, sie war die ganze Zeit da und kommt eben dann aus ihrem Versteck (oder dem Eisbecher), wenn es um sie herum warm und sicher ist. Und mit ihr, durch sie, kommt auch mein Wille zurück, meine eigenen Projekte umzusetzen. Vollgas zu geben.

Wir arbeiten jetzt an uns, wie in einer guten Beziehung und schreiben, schreiben, schreiben

Und während ich all diese Dinge schreibe, denke ich: Vielleicht sitzt mein Stiefpapa gerade da oben und tritt mir gehörig in den Arsch, weil er weiß, dass genau das der Punkt ist! Er sagt, Frau, wenigstens ein Gutes soll dieses 2017 doch haben. Nimm es zum Anlass und hau diesen Blog jetzt verdammt nochmal raus! Zeig dich.

Okay, guten Tag, da bin ich, Svenja Hirsch, und das ist mein Text. Er handelt von einer Blockade und doch eigentlich von einem Menschen, der nicht mehr da ist. Von einer Liebe, die mir abhanden gekommen ist. Und von der ich weiß, dass ich sie mit diesem Blog wiederfinden werde.

Welcome to the woods!

**alles Themen, die auf meiner Liste stehen und zu denen es in Zukunft Beiträge geben wird! Tragt euch gerne für meinen Newsletter ein, da informiere ich euch max. einmal die Woche über neue Artikel.

Text: Svenja Hirsch

Fotos: auch

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